Monatsarchiv: Juli 2011

Episode 8

-Krähen-

Das Tor:

„Nebel! Nebel ist gut. Wisst ihr, Nebel ist etwas Wundervolles. Dann sehe ich nicht, wo die Reise hingeht. Ich folge nur meinen Instinkten. Nebel! Ich mag Nebel. Und ihr mögt ihn auch.“

Ein junger Mann geht durch die morgendlichen Straßen und scheint mit sich selbst zu reden:

„Schritt um Schritt geht es voran. Und ihr mögt das auch. Schritt um Schritt voran zu gehen. Im Nebel. Wundervoller Nebel. Keiner sieht wirklich, was man tut. Man ahnt es nur. Man hört es. Man riecht es. Man spürt es. Aber man sieht es nicht. Und dann denkt man, es sei nicht wahr, denn wahr ist nur, was man sieht und was man spürt, ist nie wahr. Und ihr spürt auch etwas, aber denkt es sei unwahr. Ich mag den Nebel.“

Die Kreuzung:

„Mir gefällt es nicht, dass ihr so ruhig seid. Ruhe ist gut, aber diese Ruhe ist gespielt. Ihr spielt eure Ruhe nur. Ist es euch hier zu hell? Sobald wir aus der Stadt sind, wird es weniger hell sein. Und niemand sieht euch dort. Dort ist es einsam. Und sicher ist dort auch noch Nebel. Wundervoller Nebel. Nebel, der alle anderen über euch im Unklaren lässt. Wisst ihr, ich mag euch alle und ich werde dafür sorgen, dass ihr mir nicht weggenommen werdet. Manch einer sagt, was ich täte, also, was ich mit euch täte, würde unweigerlich dazu führen, dass etwas Schlimmes passiert. Ihr braucht gar nicht so erschrocken zu schauen. Ich bitte euch. Jeder von euch trägt seine Narben, aber ihr seid noch immer alle beisammen. Und ihr mögt es, beisammen zu sein.“

Der Hügel:

„Möglicherweise. Möglicherweise tut man nicht immer das Richtige. Aber man tut das was man gewohnt ist, zu tun. Das muss nicht das Richtige sein, aber so wird es wenigstens nicht falscher. Was du liebst, das lass frei. Kehrt es zu dir zurück, gehört es dir. Für immer. Sagt man. Aber wer garantiert mir, dass es zurück kommt? Ihr zumindest kommt ganz sicher zurück. Ihr werdet keine andere Wahl haben. Aber ihr mögt es ja beisammen zu sein, also müsst ihr auch alle beisammen gehalten werden. Vor allem, wenn ihr bedenkt, dass es nebelig ist. Wie leicht kann man sich da aus den Augen verlieren? Nebel schützt dich, aber jeder Vorteil ist immer auch ein Nachteil. Du musst nur auf die andere Seite gehen. Nicht mit dem Licht schauen, sondern in das Licht hinein. Dann werden dir nicht die Gefahren beleuchtet, dann blenden sie dich und bevor du dich versiehst, frisst dich der Schmerz auf. Dann liegst du blutleer und halb erfroren in einer Pfütze aus mutloser Wahrheit. Du kannst loslassen und mit dem Licht fließen. Du kannst aufsteigen. Fliegen! Glück finden. Du kannst aber auch den Halt verlieren und stürzen. Ihr fliegt doch gerne. Ihr mögt fliegen. Aber im Nebel verliert man all zu schnell den Halt. Man kann sich nicht orientieren. Und wenn einem niemand den Weg ruft, wird man stürzen und den Schmerz spüren. Aber keine Angst. Ihr habt Angst? Ich auch. Aber das müssen wir nicht. Ich beschütze euch. Und ihr bleibt ja bei mir.“

Am Waldrand:

Ein junger Mann steht im Nebel und öffnet seinen Mantel. Nur die obersten drei Knöpfe. Unter unerträglichen Schmerzen und mit größter Anstrengung presst er seine Hände gegen seinen Brustkorb. Wenn man es genau betrachtet, drückt er eigentlich seine Fingerspitzen in seine Haut. Tiefer. Immer tiefer. Die Haut reißt. Das Fleisch offenbart sich. Blut rinnt an seinem Bauch hinab und tränkt seinen Mantel. Immer weiter bohren sich die Finger in ihn, bis sie schließlich vollständig eingedrungen sind.
Mit einer kurzen, schmerzhaften Bewegung öffnet der junge Mann seinen Leib, um anschließend mit äußerster Vorsicht einen Käfig voller Krähen zu entnehmen. Er stellt den Käfig ab und schließt seinen Mantel wieder.
Erschöpft öffnet er die Käfigtür.
„Leider habe ich vergessen wie ihr heißt. Aber ich habe nicht vergessen, wie schmerzhaft es für meine Freunde war, wenn sie einen von euch verloren hatten. Gewiss, die Freude war groß, wenn einer höher fliegen konnte als man dachte und am Ende nicht verloren ging. Die Freude war unermesslich groß. Ich möchte eher von Glück sprechen, denn von Freude. Aber die Trauer, wenn einer verloren ging, war grauenvoll. Ihr geht mir nicht verloren. Versprochen? Versprochen!“
Dann ließ er sie fliegen. Im Nebel. Und keiner konnte es sehen.

Vögel

-Ende-


Episode 7

-Farben-

Grau:

Grau! Grau war seine Haut. Grau war der Atem, der an diesem kalten Morgen durch die Luft tanzte. Er erschuf für Sekundenbruchteile Formen von erschreckender Schönheit. Graue Dämonen, die leer in eine graue Seele blickten. In eine erschöpfte Seele. In eine Seele, die aufgegeben hatte. Auch die Straße war grau und sein rotes Fahrrad verblasste ebenfalls nach und nach. Je schneller er fuhr, desto mehr Farbe verlor es. Seine Finger waren grau. Grau und steif gefroren. Über seine kalten, grauen Wangen liefen Tränen. Kalte Tränen, in denen sich die trübe Licht der ersten Tagesstunden spiegelte und unzählige bunte Regenbogen in das hoffnungslose Nass zauberte.

In seinem Zimmer lief noch immer sein Lieblingssong auf Repeat und eine besorgte Mutter saß auf einem leeren Bett und las einen Brief, den sie vor einigen Wochen schon ein mal in der Hand gehalten hatte.

Bunt:

Hallo…

Ich weiß nicht, wie ich es Dir beichten soll. So lange hast Du mir viel mehr geschenkt, als ich wert bin. Du hast mich zum Lachen gebracht und Du hast mich getröstet. Du hast mit mir geteilt und Pläne geschmiedet. Du hast mich gepflegt, wenn ich krank war und Du hast für mich gestritten, wenn mich jemand unfair behandelt hatte. Du hast für mich auf viele Dinge verzichtet und Du hast mir durch deinen Einsatz vieles, was ich alleine nicht erreicht hätte, ermöglicht. Nie wolltest Du mehr, als mich lächeln zu sehen. Nichts war Dir kostbarer als eine Umarmung von mir.
Und ich, ich habe das alles ebenfalls genossen. Ich habe es sehr genossen. Mehr noch! Ich habe Dir so oft in Deine Augen geblickt und aus tiefster Sehnsucht innerlich danach geschrien, von Dir geküsst zu werden. Unzählige tödliche Stiche versetzte es mir, wenn Du nicht den Mut fandest, mir zu geben, was ich in Deinem Herzschlag hören, was ich in Deinen Umarmungen fühlen konnte.
Die wundervollsten Erinnerungen meines Lebens beinhalten immer auch Dich. Ich kann nicht in die Sonne blicken, ohne Deinen Atem an meinem Nacken zu spüren. Ich kann nicht im See schwimmen gehen, ohne dass sich Dein Gesicht in jeder Welle spiegelt. Ich kann nicht die Augen schließen, ohne Deine Hand in meiner zu spüren. Leider ist jede dieser Erinnerungen auch mit viel Schmerz verbunden.

Und nun muss ich beichten. Diesen Brief schrieb ich lange bevor Du ihn lesen wirst. Ich habe Deine Mutter gebeten, ihn zu verwahren und ihn Dir am heutigen Tage auf Dein Bett zu legen. Nun weißt Du, dass ich Dich belogen habe. Heute werde ich nicht von einer Auslandsstudienreise zurückkehren. Heute werde ich weit weg von Dir versuchen, mein Leben zu leben, werde neu starten. Diese ‚Studienreise‘ gab es nie, aber ich wollte vermeiden, dass Du meine Abreise verhinderst. Es ging nicht anders. Verzeih mir das. Es war das erste und letzte Mal, dass ich Dich belügen werde.

Versteh mich bitte nicht falsch, ich werfe Dir nichts vor, es ist einfach so gekommen, wie es kommen sollte. Ich war bereit für Dich. Seit Jahren! Du aber sagtest immer, dass Du Dir noch unsicher seist, Du sagtest, Dir fehle das endgültige Etwas. Dieses Warten allerdings ist für mich inzwischen die Hölle geworden. Das Wort ist dramatisch, aber es stimmt: Die Hölle! Als ich als Kind meine Großmutter fragte, was denn die Hölle und was der Himmel sei, sagte sie: „Wenn man stirbt, lebt man noch einen letzten Tag so, wie man gelebt hätte, wenn man alle seine Chancen wahrgenommen und alle seine Potentiale ausgeschöpft hätte. Danach kehrt man zurück in sein gestorbenes Ich und bleibt in dem Zustand, in dem man starb, für alle Ewigkeit. Wenn du nach diesem letzten Tag dein Leben bereust, ist es die Hölle, wenn du aber glücklich über das bist, was du aus dir gemacht hast, ist es der Himmel.“ Und leider hatte ich die letzten Wochen das Gefühl, dass ich etwas bereuen werde, wenn ich mich nicht weiterentwickle.

Lass mich nicht auf die Hölle zusteuern, lass mich in den Himmel kommen. Bitte respektiere meinen Wunsch. Bitte such mich nicht. Bitte gib mir die Freiheit, die Zeit und die Möglichkeit, Dich zu vergessen und das Glück, das in meiner Brust schläft, freizulassen. Und wenn das Schicksal will, kreuzen sich unsere Wege eines Tages wieder. Ich hoffe, dass wir uns dann freuen, uns zu sehen. Etwas anderes kann ich mir aber eigentlich gar nicht vorstellen.

Ich halte diesen Brief kurz und habe versucht, Dir klar und deutlich zu vermitteln, was ich möchte. Das zu tun, hat mich viel Kraft, Mut und Tränen gekostet, aber nun fühle ich mich befreit und freue mich auf meine Zukunft.

Ich wünsche Dir nur das Beste!
In Liebe…

Grau:

Auf dem Bett sitzend, blickt die Mutter voller Kummer auf die gegenüberliegende Wand. Dort, wo sonst eine schwere schwarze Winterjacke die Tür verdeckt, grinst ihr nun teuflisch blankes Eichenholz in ihr besorgtes Gesicht. Graues Eichenholz! Dort, wo sonst die alten schwarzen Stiefel den Teppich erdrücken, frisst sich graues Nichts die Wand hinab und nagt am Boden, verpestet die Luft und drückt den Schrei, der sich der Mutter die Kehle hinauf brennt, wieder in ihre Brust. Grauer Beton versiegelt ihre Kehle. Nur aus ihren Augen leuchtet glühender Schrecken. Mutterinstinkt! Der Sohn auf dem Weg in die Hölle!

Schwarz:

Schwarz! Und leise! Unendlich leise! Es ist so leise, dass man nicht einmal die Stille hört. Dieses Rauschen der Stille, das Brummen des Nichts. Nicht einmal das hört man. Kurz hatte er noch das Rot seines Fahrrads vor Augen, dann gab es nur noch schwarz. Das Schwarz der Stiefel und das der dicken Winterjacke vermischt mit dem Schwarz seiner Angst und dem Schwarz der Stille. Aber es gab auch unerträglichen Lärm. Bis gerade eben noch. Lauter wurde es, immer lauten und dann schlagartig leise. Und schwarz.

Grau

Bunt:

Plötzlich fängt es um ihn herum an wieder an, lauter zu werden. Leise schleichen sich die ersten Töne durch seine Haut in sein Herz. Er hört Meeresrauschen und spürt wärmende Sonne auf seiner Haut, die seine Seele langsam wieder aufzutauen beginnt. Weicher Sand streichelt und trägt seinen ungewöhnlich gut trainierten Körper und nicht weit von ihm, scheint ein Hund zu bellen. Dann spürt er warmen Atem und einen Wimpernschlag danach Lippen auf seiner Stirn. Die weichsten Lippen, die man sich vorstellen kann. Die wärmsten Lieppen. Die buntesten Lippen! Er fühlt es. Er fühlt die Farbenpracht. Er fühlt sie! Sie! Er spürt sie! Er schmeckt sie! Er riecht sie! Vorsichtig öffnet er seine Augen und dann, dann sieht er sie. Sie! Er hatte es so gehofft, als er auf den Bahndamm geklettert war. Er hatte es so sehr gehofft. Er lächelt. Noch nie in seinem Leben, war er so unendlich von Zufriedenheit, Wohlsein und Glück erfüllt. Er lächelt und lächelt und lächelt. Ihm bleiben noch 23 Stunden und 58 Minuten…

-Ende-


Episode 6

-Frühling-

Juli:

Ein Junge, kaum älter als die Zeit, sitzt auf einem Stein und blickt in den Himmel. Um seinen Hals trägt er an einer eisernen Kette sein Herz. Wie ein wilder Hengst reißt das Herz an seiner Kette. Es windet und dreht sich, es zieht und gibt wieder nach. In seinem unbändigem Gezerre fügt es sich Narbe über Narbe zu. Es springt, faucht und kratzt. Es stößt sich und erdrosselt sich beinahe. Es rastet kurz, wartet auf einen günstigen Moment und beginnt seinen Kampf gegen das versklavende Metall erneut.
Der Junge aber liegt unbeteiligt auf seinem Rücken, kaut verwegen auf einem Grashalm und brennt mit seinem Blick Gräben in die Sommerwolken. Schönes zu zerstören, DAS ist seine Bestimmung! Aber fühlen kann er nichts.

Oktober:

Ein Junge, kaum größer als die Erde, sitzt auf einem Baumstamm und blickt ins Tal hinab. Um sein Handgelenk trägt er ein festes Tau, an dessem anderen Ende sein Herz die letzten herbstlichen Sonnenstrahlen einzufangen versucht. Unzufrieden dreht es sich auf der feuchten Wiese von einer Seite auf die andere, es stöhnt und zetert. Es sucht sich einen neuen Platz, nur um noch unzufriedener zu sein. Es steht auf, tritt einige Grashalme in die Luft, fängt an zu hüpfen und du rennen, stolpert schließlich über das lange Tau und bleibt danach resigniert im Schatten unter der kleinen Birke liegen.
Der Junge aber sitzt unbeteiligt auf dem Baumstamm, kaut in sich gekehrt auf seinen Fingernägeln und baut mit seinem Blick dunkle Mauern um die grüne Wiese. Schönes zu besitzen, DAS ist seine Bestimmung! Aber fühlen kann er wieder nichts.

Januar:

Ein Junge, kaum schneller als der Wind, steht am Ufer des Sees und blickt über die vereiste Fläche. Neben ihm hockt, ohne eine Kette oder ein Tau, sein Herz. Ihm ist viel zu kalt, als dass es die Gelegenheit nutzen würde. Wo solle es auch hin? Wer würde es wärmen? Wer würde es nähren? Wer würde es pflegen? Das Herz pustet in seine Hände und reibt sie aneinander. Warm wird ihm dadurch nicht, aber vielleicht merkt der Junge ja dadurch endlich, dass es Zeit wäre, einen angenehmeren Ort aufzusuchen.
Der Junge aber steht unbeteiligt am Ufer des Sees, lutscht unbeteiligt an einem Eiszapfen und zeichnet mit seinem Blick Kunstwerke auf die vereiste Oberfläche. Schönes zu erschaffen, DAS ist seine Bestimmung! Aber fühlen kann er auch dieses Mal nichts.

April:

Ein Junge, kaum merkwürdiger als das Leben, schwebt mit ausgebreiteten Armen über das Land. Unter ihm sein Herz, das ihn trägt. Mit großer Sorgfalt aber ohne Furcht steigt es höher und höher. Keine Kette, kein Tau und keine Kälte hindert es mehr daran, seine Kraft zu entfalten. Lange hatte es gedauert, bis verstanden wurde, dass man ein Herz nicht lenken kann, das man es nicht einschränken darf. Lange hatte es gedauert, bis genug Vertrauen entstand, dem Herz das Schicksal-Zeichnen zu überlassen.
Der Junge aber thront auf dem Herzen, ist noch immer verwundert darüber, welch‘ kräftige Schwingen ihn nun mit Leichtigkeit tragen und küsst mit seinem Blick alles, was durch den Frühling zu Leben erweckt wird. „Schönes fühlen, DAS ist deine Bestimmung!“, sagt der erste Schmetterling des Jahres und noch bevor die Worte das Ohr des Jungen erreicht hatten, war er verliebt…

Hügel

-Ende-


Episode 5

-Geduld-

Es war ein Mal…

…ein Mädchen. Stumm stand es am Türrahmen, den Kopf seitlich an das vergilbte Holz gelehnt. Vergeblich suchte ihr Blick die gegenüberliegende Wand ab. Eine gezeichnete Wand voller Narben und Flecken. Eine Wand voller Leben. Begierde erfüllte ihre Gedanken. Kurz nachdem die Haustür ins Schloss fiel, erlosch das Licht im Treppenhaus.

Das Mädchen wartete. Es wartete. Und wartete. Dann endlich quälte sich eine Träne über ihre Wange. Das Mädchen lächelte, schloss die Tür und legte sich zu Bett.

Es war ein Mal…

…ein Mädchen. Klitzeklein hockte sie im Flur an einer viel zu kalten Wand und hörte Schritte sich entfernen. Es atmete nicht. Seinen Kopf vergrub es zwischen seinen Knien. Die Schritte wurden leiser. Die Haustür fiel ins Schloss. Schritte auf der Straße hallten durch das geöffnete Fenster. Jeder Schritt schmerzte. Es war ein unerträglicher Schmerz. Ein Stechen. Ein Drücken. Ein Ziehen. Implodierende Sehnsucht.

Das Mädchen blickte auf und wartete. Es wartete und atmete nicht. Es wartete. Dann endlich quälten sich zwei Tränen über seine Wange. Das Mädchen lächelte, schloss das Fenster und legte sich zu Bett.

Es war ein Mal…

…ein Mädchen. Im Mondschein sah es, wie sich die ganze herzzermahlende Schwere ihrer Seele im Wasser des Kanals spiegelte. Und wenn es sich aufmunternd über die Wange streichen wollte, zeriss die Hand sein vergeblich hoffendes Abbild und erzeugte ein Chaos aus Wellen und Blitzen. Schritte entfernten sich und waren bald nicht mehr zu hören.

Das Mädchen wartete. Das Chaos im Kanal beruhigte sich.
Es wartete weiter. Aus dem Chaos entstand nach und nach ein ruhiges, harmonisches Bild.
Das Mädchen wartete. Ein schönes Bild.
Es wartete immer noch. Der Wind spielte mit den Haaren des Mädchens.
Dann endlich! Ein, zwei, drei Tränen tanzten über die Wange des Mädchens. Es stand auf und lief. Den Kanal entlang, über die Brücke, am Brunnen vorbei und die Straße hinauf. Es lief so schnell es konnte. Es bog um die Ecke und wurde langsamer. Noch immer tanzten drei Tränen auf seiner Wange. Und vor der Haustür saß ein Junge.

Es war ein Mal…

…eine junge Frau. Sie küsste einen jungen Mann. Der junge Mann hatte eine schwierige Zeit hinter sich und noch immer waren viele Probleme nicht gelöst. Zwei Mal schien es, als würden sich die Umstände klären, die ihm die das Leben schwer machten. Zwei Mal wurde der junge Mann tief enttäuscht. Die junge Frau nahm den Mann in den Arm und sagte: „Ich weiß, was aller guten Dinge sind. Niemand weiß es besser als ich. Bald wird sich alles zum Guten wenden.“

Es war ein Mal…

…ein junges Paar. Sie standen im Türrahmen und wurden beobachtet. Aber sie bemerkten es nicht. Noch nie hatte jemand bemerkt, dass er von einer Wand beobachtet wurde. Von einer gezeichneten Wand voller Narben und Flecken. Einer Wand voller Leben.

Die Wand sah, wie der junge Mann die junge Frau zum Abschied an sich presste und ihr mit seinen Lippen, ohne ein Wort zu sagen, alles erzählte, was sein Herz ihr zu sagen hatte. Die Wand lächelte.

Geduld

-Ende-


Episode 4

-Zeit-

Einatmen:

Kälte! Beißende Kälte.
>Sie wird nicht wiederkommen. Nur die Sonne kommt wieder. Jeden Tag. Aber die Sonne kann ich nicht umarmen. Ich kann sie auch nicht küssen. Liebe bekommt der, der Liebe gibt. Der Sonne kann ich keine Liebe geben, also liebt sie mich auch nicht. Sie lacht auch nicht, sie belächelt mich.<
Ein Lied ertönt.

Jemand geht wenige Schritte. Kurze Pause. Jemand hebt etwas an. Es zischt kurz. Jemand geht weitere Schritte. Langsamer. Dann wird es windig. Reißender Wind! Jemand atmet tief ein. Jemand klettert.

Ausatmen:

Der Schwan und das Wiesel sitzen ungeduldig an ihrem Tisch. Die anderen kommen sicher bald. Hoffentlich! Bis die ersten Menschen zur Arbeit müssen, bleibt nicht viel Zeit.

Heute Nacht spielen alle, die sich über die letzten drei Wochen qualifiziert haben. Das große Pokerfinale! Dem Gewinner winkt ein ganz besonderer Preis. Er bekommt für den nächsten Monat den Schlüssel zum Futterhaus des Zoos. Die Elster hatte ihn vor einem Jahr zufällig erspäht und an sich genommen. Die Elster sitz gerne auf dem großen Gebäude direkt neben dem Zoo und schaut, wovon sie die Menschen, wie sie es nennt, ‚erleichtern‘ kann. Der Schlüssel jedenfalls war ihr größter Coup.
Nachdem sie in wenigen Wochen ihr Gewicht verdoppelt hatte, gab es im Stadtpark eine große Versammlung mit allen Tieren. Man zwang die Elster, den Schlüssel der Allgemeinheit zu übergeben und da man sich nicht darauf einigen konnte, wer letztendlich das kostbare Stück an sich nehmen sollte, wird seit dem Tag der Versammlung um den Schlüssel gespielt. Und so gab es bisher 12 verschiedene Schlüsselbesitzer, die alle sehr vorbildlich zum Wohle aller anderen die… nun ja… halblegal erworbenen Nahrungsmittel aufteilten.

Die streunende Katze eilte um die Ecke und setzte sich erschöpft an den inzwischen mit allen Teilnehmern gefüllten Tisch. „Heute werde ich gewinnen und ich werde mich dick und rund fressen, um genug Kraft zu haben, zu tun, was mich glücklich macht!“
Der Schwan lächelte verständnisvoll. ‚Die Katze kam immer zu spät. Die Katze hatte immer noch ihren verrückten Plan. Nur gewann die Katze nie. Wie sollte sie auch? Hat denn schon mal jemand eine Katze gesehen, die Poker spielt?‘ Der Schwan atmete ruhig ein. Dann atmete er aus und sah sich seine Karten an.

Luft anhalten:

Jemand steht im reißenden Wind und hält sich mit einer Hand an kaltem Metall fest.
>Wenn sie nicht zurück kommt, dann komme ich zu ihr. Ich muss nur dafür sorgen, dass sie nicht so dumm ist und es sich später anders überlegt. Vier Jahre habe ich ihr Zeit gegeben. Heute ist die Zeit abgelaufen. Ich habe es ganz genau dokumentiert, niemand kann sagen, ich hätte gehandelt ohne zu überlegen.<
Jemand versucht auf dem nassen Fensterbrett Halt zu finden. Jemand zieht und strengt sich an. Jemand strengt sich bis ans Äußerste an. Mit letzter Kraft versucht jemand, zu tun, was schon lange hätte getan werden müssen. Jemand presst die Lippen zusammen. Jemand hält die Luft an. Jemand rutscht ab.

Seufzen:

Natürlich hatte die Katze nicht gewonnen. Sie war bereits als erste ausgeschieden. Wie sollte sie auch gewinnen. Jeder weiß doch, dass Katzen unheimlich schlechte Pokerspieler sind.
Immerhin, der Schwan, der als erster Parkbewohner nun zum Zweiten mal den Schlüssel an sich nehmen durfte, versprach der Katze, dass sie wenigstens heute das Futterhaus aufschließen und sich noch vor allen anderen etwas Schmackhaftes aussuchen dürfe. Selten hatte man die Katze so freudig und zufrieden gesehen.
Der Schwan mochte die Katze. Er wusste, dass sie eigentlich noch immer eine verwöhnte Hauskatze ist und ihr das Leben im Park schwerfällt. Aber seit ihr Frauchen vor vier Jahren ins Krankenhaus musste, hat sich niemand mehr um die Katze gekümmert. Auch nicht der nette Mann, vom dem ihr das Frauchen damals immer erzählt hatte. Dieser Mann, der ihr nach zwei Wochen schon sagte, er würde sie unsterblich lieben und nie verlassen, egal was geschehe. Dieser Mann wusste vielleicht gar nicht, dass das Frauchen eine Katze hatte, die versorgt werden muss. Der Schwan hatte Mitleid mit der Katze.

Als sie zum Futterhaus kamen, stießen sie auf eine große Traube von Menschen. Menschen neigen dazu, ständig ungewöhnliche Dinge zu machen, aber mit ihrem lärmenden Auflauf voller greller Farben den Zugang zum Futterhaus zu versperren, war nun wirklich eine der größten Gemeinheiten, die der Schwan in letzter Zeit miterlebt hatte. Er blickte die Katze an. Sie sah nun gar nicht mehr zufrieden aus. Sie sah eher unglücklich aus. Der Schwan seufzte. "Wir kommen morgen wieder, liebste Katze."

Atmen:

Im achten Stock wird eine Frau wieder an ihr Beatmungsgerät angeschlossen. Sie vermisst ihre Katze. In der Ecke am Fenster liegt ein Foto.

Bild

-Ende-


Episode 3

-Sommerwolken-

Eine Wolke:

Kurz war es verschwunden. Jetzt ist alles wieder blau. Blau, blau, blau. Blaue wohlige Wärme. 22 Meter über dem Asphalt schweben die Gedanken eines jungen Mannes durch blaues Nichts. Als würde man fliegen. Oder fliegt man tatsächlich? Das Nichts wird zum Alles. Setzt er die Sonnenbrille auf, verschiebt sich die Perspektive. Sein Ipod spielt den passenden Song.

Es fühlt sich an, als klebe er an der Unterseite des Mondes und blicke auf einen gewaltigen Ozean gefüllt mit erfrischendem glasklarem Wasser. Vereinzelt überquert er bei seinem Flug über den Ozean kleine weiße Inseln. Einladende Inseln. Inseln aus purer Ruhe und Geborgenheit, so rein wie das Herz seiner Liebe. Falls er abstürzt, das steht für ihn fest, wird er sicher auf einer dieser Inseln notlanden. Dort wird er beschützt, versorgt und geliebt.

Die Insel:

Weiß! Weiß, weiß, weiß. Weißes Nichts. Umrahmt vom blauen Alles. Leise flüstert der Wind an seinem Ohr eine Melodie. Jetzt nur nicht die Augen schließen! Alles aufsaugen! Alles mitnehmen! Das Herz hat sich geöffnet. Wie die Blüte einer seltenen Blume, die verborgen im Dschungel der Emotionen gedeiht und nur von denen betrachtet werden kann, die den beschwerlichen Weg gegangen sind.

Zwei Krähen durchkreuzen die harmonische Szene. Lassen das fragile Konstrukt aus Wohlsein und Sehnsucht fast in sich zusammenstürzen. Nur eine kurze störende Sekunde. Die Blüte in der Brust des jungen Mannes weicht erschrocken zurück. Eine der Krähen dreht ihren Kopf. Sie spricht etwas, aber die Worte kommen nicht an. Grinsend setzt sie ihren Flug fort. Die Insel verblasst, das Blau scheint an Wärme verloren zu haben. Tatsächlich stürzt der junge Mann ab. Aber wo ist dir rettende Insel? Sein Blick sucht hektisch den Ozean ab.

Der Fallschirm:

Warme Lippen berühren sanft seine Wange. Eine Stirn schmiegt sich an sein Kinn, ein Arm legt sich vorsichtig auf seine Brust. Als hätte man ihm einen Fallschirm angelegt, wird sein Sturz aus der Höhe abgebremst. Da ist sie wieder! Die Insel! Kein Gedanke mehr an die Krähen. Ihm können sie nun ohnehin nichts mehr anhaben. Das Blau kehrt zurück. Das Alles. Die Geborgenheit. Und das blühende Herz. Dann wird alles weiß.

Das Dach:

Zwei Krähen entfernen sich durch die warme Luft gleitenden von dem ihnen vertrauten Häuserblock. Zurückblickend sehen sie auf dem Dach des Hochhauses ein junges Pärchen, umschlungen von farbenfrohen Schlingpflanzen. Ein gemütliches Geflecht, verziert mit wundervollen Blüten, bettet und schützt das, was die Krähen seit jungen Jahren ebenfalls verbindet. Das Krähenmännchen blickt zu seinem Weibchen. Sie blickt zurück. „Ich liebe dich!“. Beide lächeln.

Das Mädchen dreht sich zu dem jungen Mann und küsst ihn auf die Wange. Dann zieht eine Wolke auf und versperrt den Blick auf’s Dach. Selten haben die Krähen eine so wundervolle Wolke sehen dürfen. Vollkommen in ihrer Form, vollkommen in ihrem Weiß.

Nachdem die Wolke vorüber gezogen ist, blicken die Krähen noch ein letztes mal zurück. Das Dach ist leer und in der sich entfernenden Wolke erahnen sie die Umrisse einer großen, vollkommenen Blüte. Aber vielleicht täuschen sie sich auch.

Zwei Krähen fliegen Richtung Sonne. Irgendwann kann man sie vom Dach aus nicht mehr sehen.

-Ende-


Episode 2

-Hoffnung?-

19:07 Uhr:

„Nur eine. Ich brauche nur eine, um den anderen zu beweisen, dass ich noch nicht zum alten Eisen gehöre. Nur eine!“
Dann wurde es still. Nur das verliebte Mädchen auf dem Steg hinterm Haus störte die Ruhe. Sie schaute regungslos in den Himmel und tauchte in Musik ein, die früher ihr Herz erfüllte. Sie atmete schneller als sonst.

20:19 Uhr:

Noch immer hielt der Frosch Ausschau nach einer Mücke. Geduldig und erfahren wie er war, wusste er, dass er nicht wie all die jungen Frösche dem nachjagen muss was er begehrt, es wird zu ihm kommen. Aus dem Augenwinkel sah er, wie das Mädchen den Steg verließ und lautlos das Ufer des Flusses entlang taumelte. Von hier aus waren es nur wenige Schritte zum Meer, zur Freiheit, zur Sehnsucht, zum Glück. Zumindest aus der Sicht des Mädchens. So dachten die Frösche jedenfalls. Für sie allerdings bedeutete das salzige und von Feinden übersäte Meer Angst, Tragödie und Tod. Hier endete der Fluss und hier endete das Leben.
„Wohin sehnst du dich, fremdes Mädchen? Wieso verlässt du deinen Steg?“, fragte der Frosch?

Stille.

20:24 Uhr:

Ein Zettel löste sich vom Steg. Er war feucht, kalt und salzig. Als wäre er aus dem Dunkel des Meeres gerettet und dort auf dem Steg zum Trocknen abgelegt worden. Leider war es anders.

Stille.

22:42 Uhr:

„In meinen Augen wirkst du wie ein Trottel! Du könntest mich nun ganz genüsslich schnappen und fressen, doch was machst du? Du denkst noch immer, nach all diesen verlorenen Jahren hier am Fluss, du könntest ein Prinz werden? Ein menschlicher Prinz?“
Der Frosch schwamm so schnell er konnte. Es war schon dunkel und er war sich erst nicht sicher, ob er die Situation richtig deutete, deshalb hatte er gezögert. Jetzt schmeckte das Wasser schon salzig und unter sich spürte er den kalten, schuppigen Tod. Hundertfach!
„Ich sage dir, wäre das vor drei oder zwei Jahren passiert, dann wärst du sicher schnell genug gewesen, um dein Ziel rechtzeitig zu erreichen, aber nun glaube ich, wirst du es nicht schaffen. Und selbst wenn, wer glaubt wirklich daran, dass Frösche zu Prinzen werden?“
Die Mücke kehrte um. Die Flussmündung war schon einige Meter entfernt und der Wind, der vom Land aus das Flusswasser ins Meer trieb, macht den Rückflug beschwerlich. Zudem war es dunkel. Das Ufer konnte man nur noch erahnen. Die Mücke musste sich ihrer feinen Nase bedienen, um an das vertraute Ufer zu gelangen. Das, was sie am liebsten trank, wenn gleich sie es dort von den Gräsern nicht ablecken oder aufsaugen konnte, das zeigte ihr den Weg zurück.
Als sie umgekehrt war redete niemand mehr. Der Frosch war erschöpft.

Stille.

22:47 Uhr:

Der Frosch senkte seinen Kopf. Wieder und wieder hatte er es versucht, doch nun stand es fest. Dass ein Mädchen einen Jungen zu einem Prinzen küssen kann, daran glaubte er noch immer. Vielleicht war er selber inzwischen einfach zu alt. Vielleicht funktioniert es auch nur, wenn das Herz des Mädchens nicht gebrochen wurde. Er wusste es nicht. Aber er lächelte. Das erste Mal in seinem Leben hatte er nicht nur gehofft, er hatte gekämpft.

Stille.

23:04 Uhr:

Ein lächelnder Frosch sitzt auf einem leblosen Körper und treibt auf das tödliche Meer hinaus.
Am Ufer weht der Wind einen Brief an die Tür des Hafenmeisters.

Sea

-Ende-