Episode 2

-Hoffnung?-

19:07 Uhr:

„Nur eine. Ich brauche nur eine, um den anderen zu beweisen, dass ich noch nicht zum alten Eisen gehöre. Nur eine!“
Dann wurde es still. Nur das verliebte Mädchen auf dem Steg hinterm Haus störte die Ruhe. Sie schaute regungslos in den Himmel und tauchte in Musik ein, die früher ihr Herz erfüllte. Sie atmete schneller als sonst.

20:19 Uhr:

Noch immer hielt der Frosch Ausschau nach einer Mücke. Geduldig und erfahren wie er war, wusste er, dass er nicht wie all die jungen Frösche dem nachjagen muss was er begehrt, es wird zu ihm kommen. Aus dem Augenwinkel sah er, wie das Mädchen den Steg verließ und lautlos das Ufer des Flusses entlang taumelte. Von hier aus waren es nur wenige Schritte zum Meer, zur Freiheit, zur Sehnsucht, zum Glück. Zumindest aus der Sicht des Mädchens. So dachten die Frösche jedenfalls. Für sie allerdings bedeutete das salzige und von Feinden übersäte Meer Angst, Tragödie und Tod. Hier endete der Fluss und hier endete das Leben.
„Wohin sehnst du dich, fremdes Mädchen? Wieso verlässt du deinen Steg?“, fragte der Frosch?

Stille.

20:24 Uhr:

Ein Zettel löste sich vom Steg. Er war feucht, kalt und salzig. Als wäre er aus dem Dunkel des Meeres gerettet und dort auf dem Steg zum Trocknen abgelegt worden. Leider war es anders.

Stille.

22:42 Uhr:

„In meinen Augen wirkst du wie ein Trottel! Du könntest mich nun ganz genüsslich schnappen und fressen, doch was machst du? Du denkst noch immer, nach all diesen verlorenen Jahren hier am Fluss, du könntest ein Prinz werden? Ein menschlicher Prinz?“
Der Frosch schwamm so schnell er konnte. Es war schon dunkel und er war sich erst nicht sicher, ob er die Situation richtig deutete, deshalb hatte er gezögert. Jetzt schmeckte das Wasser schon salzig und unter sich spürte er den kalten, schuppigen Tod. Hundertfach!
„Ich sage dir, wäre das vor drei oder zwei Jahren passiert, dann wärst du sicher schnell genug gewesen, um dein Ziel rechtzeitig zu erreichen, aber nun glaube ich, wirst du es nicht schaffen. Und selbst wenn, wer glaubt wirklich daran, dass Frösche zu Prinzen werden?“
Die Mücke kehrte um. Die Flussmündung war schon einige Meter entfernt und der Wind, der vom Land aus das Flusswasser ins Meer trieb, macht den Rückflug beschwerlich. Zudem war es dunkel. Das Ufer konnte man nur noch erahnen. Die Mücke musste sich ihrer feinen Nase bedienen, um an das vertraute Ufer zu gelangen. Das, was sie am liebsten trank, wenn gleich sie es dort von den Gräsern nicht ablecken oder aufsaugen konnte, das zeigte ihr den Weg zurück.
Als sie umgekehrt war redete niemand mehr. Der Frosch war erschöpft.

Stille.

22:47 Uhr:

Der Frosch senkte seinen Kopf. Wieder und wieder hatte er es versucht, doch nun stand es fest. Dass ein Mädchen einen Jungen zu einem Prinzen küssen kann, daran glaubte er noch immer. Vielleicht war er selber inzwischen einfach zu alt. Vielleicht funktioniert es auch nur, wenn das Herz des Mädchens nicht gebrochen wurde. Er wusste es nicht. Aber er lächelte. Das erste Mal in seinem Leben hatte er nicht nur gehofft, er hatte gekämpft.

Stille.

23:04 Uhr:

Ein lächelnder Frosch sitzt auf einem leblosen Körper und treibt auf das tödliche Meer hinaus.
Am Ufer weht der Wind einen Brief an die Tür des Hafenmeisters.

Sea

-Ende-

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