Episode 3

-Sommerwolken-

Eine Wolke:

Kurz war es verschwunden. Jetzt ist alles wieder blau. Blau, blau, blau. Blaue wohlige Wärme. 22 Meter über dem Asphalt schweben die Gedanken eines jungen Mannes durch blaues Nichts. Als würde man fliegen. Oder fliegt man tatsächlich? Das Nichts wird zum Alles. Setzt er die Sonnenbrille auf, verschiebt sich die Perspektive. Sein Ipod spielt den passenden Song.

Es fühlt sich an, als klebe er an der Unterseite des Mondes und blicke auf einen gewaltigen Ozean gefüllt mit erfrischendem glasklarem Wasser. Vereinzelt überquert er bei seinem Flug über den Ozean kleine weiße Inseln. Einladende Inseln. Inseln aus purer Ruhe und Geborgenheit, so rein wie das Herz seiner Liebe. Falls er abstürzt, das steht für ihn fest, wird er sicher auf einer dieser Inseln notlanden. Dort wird er beschützt, versorgt und geliebt.

Die Insel:

Weiß! Weiß, weiß, weiß. Weißes Nichts. Umrahmt vom blauen Alles. Leise flüstert der Wind an seinem Ohr eine Melodie. Jetzt nur nicht die Augen schließen! Alles aufsaugen! Alles mitnehmen! Das Herz hat sich geöffnet. Wie die Blüte einer seltenen Blume, die verborgen im Dschungel der Emotionen gedeiht und nur von denen betrachtet werden kann, die den beschwerlichen Weg gegangen sind.

Zwei Krähen durchkreuzen die harmonische Szene. Lassen das fragile Konstrukt aus Wohlsein und Sehnsucht fast in sich zusammenstürzen. Nur eine kurze störende Sekunde. Die Blüte in der Brust des jungen Mannes weicht erschrocken zurück. Eine der Krähen dreht ihren Kopf. Sie spricht etwas, aber die Worte kommen nicht an. Grinsend setzt sie ihren Flug fort. Die Insel verblasst, das Blau scheint an Wärme verloren zu haben. Tatsächlich stürzt der junge Mann ab. Aber wo ist dir rettende Insel? Sein Blick sucht hektisch den Ozean ab.

Der Fallschirm:

Warme Lippen berühren sanft seine Wange. Eine Stirn schmiegt sich an sein Kinn, ein Arm legt sich vorsichtig auf seine Brust. Als hätte man ihm einen Fallschirm angelegt, wird sein Sturz aus der Höhe abgebremst. Da ist sie wieder! Die Insel! Kein Gedanke mehr an die Krähen. Ihm können sie nun ohnehin nichts mehr anhaben. Das Blau kehrt zurück. Das Alles. Die Geborgenheit. Und das blühende Herz. Dann wird alles weiß.

Das Dach:

Zwei Krähen entfernen sich durch die warme Luft gleitenden von dem ihnen vertrauten Häuserblock. Zurückblickend sehen sie auf dem Dach des Hochhauses ein junges Pärchen, umschlungen von farbenfrohen Schlingpflanzen. Ein gemütliches Geflecht, verziert mit wundervollen Blüten, bettet und schützt das, was die Krähen seit jungen Jahren ebenfalls verbindet. Das Krähenmännchen blickt zu seinem Weibchen. Sie blickt zurück. „Ich liebe dich!“. Beide lächeln.

Das Mädchen dreht sich zu dem jungen Mann und küsst ihn auf die Wange. Dann zieht eine Wolke auf und versperrt den Blick auf’s Dach. Selten haben die Krähen eine so wundervolle Wolke sehen dürfen. Vollkommen in ihrer Form, vollkommen in ihrem Weiß.

Nachdem die Wolke vorüber gezogen ist, blicken die Krähen noch ein letztes mal zurück. Das Dach ist leer und in der sich entfernenden Wolke erahnen sie die Umrisse einer großen, vollkommenen Blüte. Aber vielleicht täuschen sie sich auch.

Zwei Krähen fliegen Richtung Sonne. Irgendwann kann man sie vom Dach aus nicht mehr sehen.

-Ende-

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