Episode 4

-Zeit-

Einatmen:

Kälte! Beißende Kälte.
>Sie wird nicht wiederkommen. Nur die Sonne kommt wieder. Jeden Tag. Aber die Sonne kann ich nicht umarmen. Ich kann sie auch nicht küssen. Liebe bekommt der, der Liebe gibt. Der Sonne kann ich keine Liebe geben, also liebt sie mich auch nicht. Sie lacht auch nicht, sie belächelt mich.<
Ein Lied ertönt.

Jemand geht wenige Schritte. Kurze Pause. Jemand hebt etwas an. Es zischt kurz. Jemand geht weitere Schritte. Langsamer. Dann wird es windig. Reißender Wind! Jemand atmet tief ein. Jemand klettert.

Ausatmen:

Der Schwan und das Wiesel sitzen ungeduldig an ihrem Tisch. Die anderen kommen sicher bald. Hoffentlich! Bis die ersten Menschen zur Arbeit müssen, bleibt nicht viel Zeit.

Heute Nacht spielen alle, die sich über die letzten drei Wochen qualifiziert haben. Das große Pokerfinale! Dem Gewinner winkt ein ganz besonderer Preis. Er bekommt für den nächsten Monat den Schlüssel zum Futterhaus des Zoos. Die Elster hatte ihn vor einem Jahr zufällig erspäht und an sich genommen. Die Elster sitz gerne auf dem großen Gebäude direkt neben dem Zoo und schaut, wovon sie die Menschen, wie sie es nennt, ‚erleichtern‘ kann. Der Schlüssel jedenfalls war ihr größter Coup.
Nachdem sie in wenigen Wochen ihr Gewicht verdoppelt hatte, gab es im Stadtpark eine große Versammlung mit allen Tieren. Man zwang die Elster, den Schlüssel der Allgemeinheit zu übergeben und da man sich nicht darauf einigen konnte, wer letztendlich das kostbare Stück an sich nehmen sollte, wird seit dem Tag der Versammlung um den Schlüssel gespielt. Und so gab es bisher 12 verschiedene Schlüsselbesitzer, die alle sehr vorbildlich zum Wohle aller anderen die… nun ja… halblegal erworbenen Nahrungsmittel aufteilten.

Die streunende Katze eilte um die Ecke und setzte sich erschöpft an den inzwischen mit allen Teilnehmern gefüllten Tisch. „Heute werde ich gewinnen und ich werde mich dick und rund fressen, um genug Kraft zu haben, zu tun, was mich glücklich macht!“
Der Schwan lächelte verständnisvoll. ‚Die Katze kam immer zu spät. Die Katze hatte immer noch ihren verrückten Plan. Nur gewann die Katze nie. Wie sollte sie auch? Hat denn schon mal jemand eine Katze gesehen, die Poker spielt?‘ Der Schwan atmete ruhig ein. Dann atmete er aus und sah sich seine Karten an.

Luft anhalten:

Jemand steht im reißenden Wind und hält sich mit einer Hand an kaltem Metall fest.
>Wenn sie nicht zurück kommt, dann komme ich zu ihr. Ich muss nur dafür sorgen, dass sie nicht so dumm ist und es sich später anders überlegt. Vier Jahre habe ich ihr Zeit gegeben. Heute ist die Zeit abgelaufen. Ich habe es ganz genau dokumentiert, niemand kann sagen, ich hätte gehandelt ohne zu überlegen.<
Jemand versucht auf dem nassen Fensterbrett Halt zu finden. Jemand zieht und strengt sich an. Jemand strengt sich bis ans Äußerste an. Mit letzter Kraft versucht jemand, zu tun, was schon lange hätte getan werden müssen. Jemand presst die Lippen zusammen. Jemand hält die Luft an. Jemand rutscht ab.

Seufzen:

Natürlich hatte die Katze nicht gewonnen. Sie war bereits als erste ausgeschieden. Wie sollte sie auch gewinnen. Jeder weiß doch, dass Katzen unheimlich schlechte Pokerspieler sind.
Immerhin, der Schwan, der als erster Parkbewohner nun zum Zweiten mal den Schlüssel an sich nehmen durfte, versprach der Katze, dass sie wenigstens heute das Futterhaus aufschließen und sich noch vor allen anderen etwas Schmackhaftes aussuchen dürfe. Selten hatte man die Katze so freudig und zufrieden gesehen.
Der Schwan mochte die Katze. Er wusste, dass sie eigentlich noch immer eine verwöhnte Hauskatze ist und ihr das Leben im Park schwerfällt. Aber seit ihr Frauchen vor vier Jahren ins Krankenhaus musste, hat sich niemand mehr um die Katze gekümmert. Auch nicht der nette Mann, vom dem ihr das Frauchen damals immer erzählt hatte. Dieser Mann, der ihr nach zwei Wochen schon sagte, er würde sie unsterblich lieben und nie verlassen, egal was geschehe. Dieser Mann wusste vielleicht gar nicht, dass das Frauchen eine Katze hatte, die versorgt werden muss. Der Schwan hatte Mitleid mit der Katze.

Als sie zum Futterhaus kamen, stießen sie auf eine große Traube von Menschen. Menschen neigen dazu, ständig ungewöhnliche Dinge zu machen, aber mit ihrem lärmenden Auflauf voller greller Farben den Zugang zum Futterhaus zu versperren, war nun wirklich eine der größten Gemeinheiten, die der Schwan in letzter Zeit miterlebt hatte. Er blickte die Katze an. Sie sah nun gar nicht mehr zufrieden aus. Sie sah eher unglücklich aus. Der Schwan seufzte. "Wir kommen morgen wieder, liebste Katze."

Atmen:

Im achten Stock wird eine Frau wieder an ihr Beatmungsgerät angeschlossen. Sie vermisst ihre Katze. In der Ecke am Fenster liegt ein Foto.

Bild

-Ende-

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