Episode 6

-Frühling-

Juli:

Ein Junge, kaum älter als die Zeit, sitzt auf einem Stein und blickt in den Himmel. Um seinen Hals trägt er an einer eisernen Kette sein Herz. Wie ein wilder Hengst reißt das Herz an seiner Kette. Es windet und dreht sich, es zieht und gibt wieder nach. In seinem unbändigem Gezerre fügt es sich Narbe über Narbe zu. Es springt, faucht und kratzt. Es stößt sich und erdrosselt sich beinahe. Es rastet kurz, wartet auf einen günstigen Moment und beginnt seinen Kampf gegen das versklavende Metall erneut.
Der Junge aber liegt unbeteiligt auf seinem Rücken, kaut verwegen auf einem Grashalm und brennt mit seinem Blick Gräben in die Sommerwolken. Schönes zu zerstören, DAS ist seine Bestimmung! Aber fühlen kann er nichts.

Oktober:

Ein Junge, kaum größer als die Erde, sitzt auf einem Baumstamm und blickt ins Tal hinab. Um sein Handgelenk trägt er ein festes Tau, an dessem anderen Ende sein Herz die letzten herbstlichen Sonnenstrahlen einzufangen versucht. Unzufrieden dreht es sich auf der feuchten Wiese von einer Seite auf die andere, es stöhnt und zetert. Es sucht sich einen neuen Platz, nur um noch unzufriedener zu sein. Es steht auf, tritt einige Grashalme in die Luft, fängt an zu hüpfen und du rennen, stolpert schließlich über das lange Tau und bleibt danach resigniert im Schatten unter der kleinen Birke liegen.
Der Junge aber sitzt unbeteiligt auf dem Baumstamm, kaut in sich gekehrt auf seinen Fingernägeln und baut mit seinem Blick dunkle Mauern um die grüne Wiese. Schönes zu besitzen, DAS ist seine Bestimmung! Aber fühlen kann er wieder nichts.

Januar:

Ein Junge, kaum schneller als der Wind, steht am Ufer des Sees und blickt über die vereiste Fläche. Neben ihm hockt, ohne eine Kette oder ein Tau, sein Herz. Ihm ist viel zu kalt, als dass es die Gelegenheit nutzen würde. Wo solle es auch hin? Wer würde es wärmen? Wer würde es nähren? Wer würde es pflegen? Das Herz pustet in seine Hände und reibt sie aneinander. Warm wird ihm dadurch nicht, aber vielleicht merkt der Junge ja dadurch endlich, dass es Zeit wäre, einen angenehmeren Ort aufzusuchen.
Der Junge aber steht unbeteiligt am Ufer des Sees, lutscht unbeteiligt an einem Eiszapfen und zeichnet mit seinem Blick Kunstwerke auf die vereiste Oberfläche. Schönes zu erschaffen, DAS ist seine Bestimmung! Aber fühlen kann er auch dieses Mal nichts.

April:

Ein Junge, kaum merkwürdiger als das Leben, schwebt mit ausgebreiteten Armen über das Land. Unter ihm sein Herz, das ihn trägt. Mit großer Sorgfalt aber ohne Furcht steigt es höher und höher. Keine Kette, kein Tau und keine Kälte hindert es mehr daran, seine Kraft zu entfalten. Lange hatte es gedauert, bis verstanden wurde, dass man ein Herz nicht lenken kann, das man es nicht einschränken darf. Lange hatte es gedauert, bis genug Vertrauen entstand, dem Herz das Schicksal-Zeichnen zu überlassen.
Der Junge aber thront auf dem Herzen, ist noch immer verwundert darüber, welch‘ kräftige Schwingen ihn nun mit Leichtigkeit tragen und küsst mit seinem Blick alles, was durch den Frühling zu Leben erweckt wird. „Schönes fühlen, DAS ist deine Bestimmung!“, sagt der erste Schmetterling des Jahres und noch bevor die Worte das Ohr des Jungen erreicht hatten, war er verliebt…

Hügel

-Ende-

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