Episode 7

-Farben-

Grau:

Grau! Grau war seine Haut. Grau war der Atem, der an diesem kalten Morgen durch die Luft tanzte. Er erschuf für Sekundenbruchteile Formen von erschreckender Schönheit. Graue Dämonen, die leer in eine graue Seele blickten. In eine erschöpfte Seele. In eine Seele, die aufgegeben hatte. Auch die Straße war grau und sein rotes Fahrrad verblasste ebenfalls nach und nach. Je schneller er fuhr, desto mehr Farbe verlor es. Seine Finger waren grau. Grau und steif gefroren. Über seine kalten, grauen Wangen liefen Tränen. Kalte Tränen, in denen sich die trübe Licht der ersten Tagesstunden spiegelte und unzählige bunte Regenbogen in das hoffnungslose Nass zauberte.

In seinem Zimmer lief noch immer sein Lieblingssong auf Repeat und eine besorgte Mutter saß auf einem leeren Bett und las einen Brief, den sie vor einigen Wochen schon ein mal in der Hand gehalten hatte.

Bunt:

Hallo…

Ich weiß nicht, wie ich es Dir beichten soll. So lange hast Du mir viel mehr geschenkt, als ich wert bin. Du hast mich zum Lachen gebracht und Du hast mich getröstet. Du hast mit mir geteilt und Pläne geschmiedet. Du hast mich gepflegt, wenn ich krank war und Du hast für mich gestritten, wenn mich jemand unfair behandelt hatte. Du hast für mich auf viele Dinge verzichtet und Du hast mir durch deinen Einsatz vieles, was ich alleine nicht erreicht hätte, ermöglicht. Nie wolltest Du mehr, als mich lächeln zu sehen. Nichts war Dir kostbarer als eine Umarmung von mir.
Und ich, ich habe das alles ebenfalls genossen. Ich habe es sehr genossen. Mehr noch! Ich habe Dir so oft in Deine Augen geblickt und aus tiefster Sehnsucht innerlich danach geschrien, von Dir geküsst zu werden. Unzählige tödliche Stiche versetzte es mir, wenn Du nicht den Mut fandest, mir zu geben, was ich in Deinem Herzschlag hören, was ich in Deinen Umarmungen fühlen konnte.
Die wundervollsten Erinnerungen meines Lebens beinhalten immer auch Dich. Ich kann nicht in die Sonne blicken, ohne Deinen Atem an meinem Nacken zu spüren. Ich kann nicht im See schwimmen gehen, ohne dass sich Dein Gesicht in jeder Welle spiegelt. Ich kann nicht die Augen schließen, ohne Deine Hand in meiner zu spüren. Leider ist jede dieser Erinnerungen auch mit viel Schmerz verbunden.

Und nun muss ich beichten. Diesen Brief schrieb ich lange bevor Du ihn lesen wirst. Ich habe Deine Mutter gebeten, ihn zu verwahren und ihn Dir am heutigen Tage auf Dein Bett zu legen. Nun weißt Du, dass ich Dich belogen habe. Heute werde ich nicht von einer Auslandsstudienreise zurückkehren. Heute werde ich weit weg von Dir versuchen, mein Leben zu leben, werde neu starten. Diese ‚Studienreise‘ gab es nie, aber ich wollte vermeiden, dass Du meine Abreise verhinderst. Es ging nicht anders. Verzeih mir das. Es war das erste und letzte Mal, dass ich Dich belügen werde.

Versteh mich bitte nicht falsch, ich werfe Dir nichts vor, es ist einfach so gekommen, wie es kommen sollte. Ich war bereit für Dich. Seit Jahren! Du aber sagtest immer, dass Du Dir noch unsicher seist, Du sagtest, Dir fehle das endgültige Etwas. Dieses Warten allerdings ist für mich inzwischen die Hölle geworden. Das Wort ist dramatisch, aber es stimmt: Die Hölle! Als ich als Kind meine Großmutter fragte, was denn die Hölle und was der Himmel sei, sagte sie: „Wenn man stirbt, lebt man noch einen letzten Tag so, wie man gelebt hätte, wenn man alle seine Chancen wahrgenommen und alle seine Potentiale ausgeschöpft hätte. Danach kehrt man zurück in sein gestorbenes Ich und bleibt in dem Zustand, in dem man starb, für alle Ewigkeit. Wenn du nach diesem letzten Tag dein Leben bereust, ist es die Hölle, wenn du aber glücklich über das bist, was du aus dir gemacht hast, ist es der Himmel.“ Und leider hatte ich die letzten Wochen das Gefühl, dass ich etwas bereuen werde, wenn ich mich nicht weiterentwickle.

Lass mich nicht auf die Hölle zusteuern, lass mich in den Himmel kommen. Bitte respektiere meinen Wunsch. Bitte such mich nicht. Bitte gib mir die Freiheit, die Zeit und die Möglichkeit, Dich zu vergessen und das Glück, das in meiner Brust schläft, freizulassen. Und wenn das Schicksal will, kreuzen sich unsere Wege eines Tages wieder. Ich hoffe, dass wir uns dann freuen, uns zu sehen. Etwas anderes kann ich mir aber eigentlich gar nicht vorstellen.

Ich halte diesen Brief kurz und habe versucht, Dir klar und deutlich zu vermitteln, was ich möchte. Das zu tun, hat mich viel Kraft, Mut und Tränen gekostet, aber nun fühle ich mich befreit und freue mich auf meine Zukunft.

Ich wünsche Dir nur das Beste!
In Liebe…

Grau:

Auf dem Bett sitzend, blickt die Mutter voller Kummer auf die gegenüberliegende Wand. Dort, wo sonst eine schwere schwarze Winterjacke die Tür verdeckt, grinst ihr nun teuflisch blankes Eichenholz in ihr besorgtes Gesicht. Graues Eichenholz! Dort, wo sonst die alten schwarzen Stiefel den Teppich erdrücken, frisst sich graues Nichts die Wand hinab und nagt am Boden, verpestet die Luft und drückt den Schrei, der sich der Mutter die Kehle hinauf brennt, wieder in ihre Brust. Grauer Beton versiegelt ihre Kehle. Nur aus ihren Augen leuchtet glühender Schrecken. Mutterinstinkt! Der Sohn auf dem Weg in die Hölle!

Schwarz:

Schwarz! Und leise! Unendlich leise! Es ist so leise, dass man nicht einmal die Stille hört. Dieses Rauschen der Stille, das Brummen des Nichts. Nicht einmal das hört man. Kurz hatte er noch das Rot seines Fahrrads vor Augen, dann gab es nur noch schwarz. Das Schwarz der Stiefel und das der dicken Winterjacke vermischt mit dem Schwarz seiner Angst und dem Schwarz der Stille. Aber es gab auch unerträglichen Lärm. Bis gerade eben noch. Lauter wurde es, immer lauten und dann schlagartig leise. Und schwarz.

Grau

Bunt:

Plötzlich fängt es um ihn herum an wieder an, lauter zu werden. Leise schleichen sich die ersten Töne durch seine Haut in sein Herz. Er hört Meeresrauschen und spürt wärmende Sonne auf seiner Haut, die seine Seele langsam wieder aufzutauen beginnt. Weicher Sand streichelt und trägt seinen ungewöhnlich gut trainierten Körper und nicht weit von ihm, scheint ein Hund zu bellen. Dann spürt er warmen Atem und einen Wimpernschlag danach Lippen auf seiner Stirn. Die weichsten Lippen, die man sich vorstellen kann. Die wärmsten Lieppen. Die buntesten Lippen! Er fühlt es. Er fühlt die Farbenpracht. Er fühlt sie! Sie! Er spürt sie! Er schmeckt sie! Er riecht sie! Vorsichtig öffnet er seine Augen und dann, dann sieht er sie. Sie! Er hatte es so gehofft, als er auf den Bahndamm geklettert war. Er hatte es so sehr gehofft. Er lächelt. Noch nie in seinem Leben, war er so unendlich von Zufriedenheit, Wohlsein und Glück erfüllt. Er lächelt und lächelt und lächelt. Ihm bleiben noch 23 Stunden und 58 Minuten…

-Ende-

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