Monatsarchiv: August 2011

Episode 10

-Weit weg-

Einsamkeit?

Und noch immer dringt störender Straßenlärm an ihre Ohren. Sie dreht ihren MP3-Player auf Maximum, lehnt sich zurück und blickt aus dem Fenster des sich durch die Stadt quälenden Busses. Die fremde Stadt. Die neue Stadt. In einem neuen Land. Niemand kennt das Mädchen. Und auch das Mädchen kennt sich oft selbst nicht.

Zweisamkeit?

Mensch um Mensch schwebt am Fenster des Busses vorüber. Das Mädchen mit dem MP3-Player ist das Zentrum ihres Universums. Nicht der Bus bewegt sich durch die Stadt, die Welt bewegt sich um den Bus. Die Welt dreht sich. Um sie! Pärchen gehen nebeneinander auf dem Fussweg spazieren. Sie gehen in dieselbe Richtung. Sie haben dasselbe Tempo. Sie reden über dasselbe Thema. Aber sie sind dennoch getrennt. Die Frau sucht die Hand ihres Mannes. Der Mann sucht den Blick seiner Frau. Beide schauen enttäuscht ins Leere. Dann fährt der Bus weiter.

Liebe?

Ein Mann setzt sich gegenüber vom Mädchen in den Bus. Er schaut auf sein Handy. Er steckt es weg. Dann holt er ein Foto aus seiner Jackentasche. Er schaut es an. Seine Augen malen jede Linie des Fotos nach. Das Mädchen mit dem MP3-Player beobachtet seine Augen. Sie malen ein Gesicht. Ein wunderschönes Gesicht. Der Mann schaut wieder auf sein Handy. Er steckt es wieder weg. Seine Hände zittern etwas. Er sieht müde aus. Seine Kleidung ist verschmutzt. Arbeitsschmutz. Seine Augen malen das wunderschöne Gesicht. Wieder und wieder. Er schaut auf die Uhr. Der Bus hält an. Sein Handy klingelt. Das Mädchen mit dem MP3-Player nimmt ihrem Kopfhörer ab. Er holt eilig sein Handy aus seiner Tasche. Sie hört, wie der Mann sagt: „Daddy ist gleich da, Schatz.“, dann steigt er aus.

Einsamkeit?

Niemanden zu kennen ist keine Tragödie. Das Mädchen packt ihren Kopfhörer ein und hört ihrem eigenen Atem zu. Sie atmet ein und sie atmet aus. Ein Atmen voller Leichtigkeit. In einer neuen Stadt ist viel Platz, um zu atmen. Viel Platz für eine große Seele. Die Luft strömt durch ihre Nase in ihre Lunge. Sie atmet tief ein. Immer tiefer und tiefer holt sie Luft. Sie ist der Mittelpunkt ihres Universums und wenn sie wollte, könnte sie alle Galaxien, alle Sterne, alle Planeten, das schwarze Nichts und sogar sich selbst einatmen. Niemanden zu kennen ist wirklich keine Tragödie… Aber es wäre schöner, wenn sie vor irgendjemandem damit angeben könnte, wie tief sie einatmen kann. Sie blickt durch den Bus. Eine ältere Dame fängt geschickt mit ihrem wippenden Kopf die Schlaglöcher der Straße auf und ein dicker Junge kaut gelangweilt auf einem Kaugummi rum. Vermutlich hat niemand bemerkt, wie tief sie einatmen kann. Das Mädchen wird ein bisschen traurig. Aber eine Tragödie ist es nicht.

Zweisamkeit?

Die beste Freundin des Mädchens war ohnehin seit sie denken kann immer an ihrer Seite. Nicht jeden Tag in ihrer Nähe, aber zumindest hat das Mädchen jeden Tag gewusst, dass ihre beste Freundin noch da ist. Sie war mit ihr zusammen im Urlaub und auch als es dem Mädchen mal schlecht ging und es weinen musste, hat ihre beste Freundin sie getröstet. Ihre beste Freundin hat sicher gesehen, wie tief das Mädchen hier in der neuen Stadt einatmen kann. Leider hat sie nichts dazu gesagt. Die beste Freundin sagt generell nie irgendetwas zu dem was passiert.

Liebe?

Das Mädchen schüttelt sich kurz. Ihre Träumereien sind doch kindisch, sagt sie sich. Natürlich atmet sie völlig normal und natürlich sagt auch die Sonne nichts dazu, wenn ein Mensch auf Erden atmet. Das Mädchen dreht sich zum Fenster und schaut wieder aus dem fahrenden Bus. „Werd‘ erwachsen!“, sagt es sich. Und schaut weiter aus dem Fenster. Dann fängt sie an zu lächeln. Selten musste das Mädchen so von Herzen lächeln wie jetzt. „Niemals!“, sagt sie leise und streckt ihrem Spiegelbild ihre Zunge entgegen. Dann biegt der Bus ab und fährt das Mädchen sicher zu ihrem Ziel.

bus

Einsamkeit?

In der Heimat des Mädchens kitzelt die aufgehende Sonne Menschen aus ihrem Schlaf. Nicht viele. Nur ein paar. Nur die, die dem Mädchen Songs für ihren MP3-Player empfohlen haben. Mit verschlafenen Augen blicken die Menschen in die Sonne. „Wie geht es ihr?“, fragen die Menschen. Und die Sonne lächelt und sagt: „Hätte ich nicht aufgepasst, hätte sie MICH eingeatmet. Ich habe es aber dann doch ganz gut hinbekommen. Nun ist ihre Brust wieder erfüllt mit eurer Liebe. Ihr hättet ihr Lächeln sehen sollen!“
Zufrieden drehen sich in der Heimat des Mädchens Menschen in ihren Betten um und versuchen noch mal zu schlafen, bis der Wecker sie zu ihren täglichen Arbeiten ruft. Sie alle lächeln.

-Ende-

Advertisements

Episode 9

-Balkan-

Dämmerung:

Wie in einem jubelndem Kleid aus Licht, warmen mediterranem Licht, dass sich in den sommerlichen Wellen des steinigen Ufers spiegelt, bewegt sich ihr Körper zum Takt. Schritt um Schritt, Drehung um Drehung. Flammende Augen zerfleischen meine hilflose Seele mit souveräner Leichtigkeit. Ein Lächeln so schön und stolz wie die Berge ihrer Heimat besiegt meinen Blick. Ich schaue in mein Glas. Die Musik wird lauter. Ihre Bewegungen werden schneller.

Sternenhimmel:

Meine Augen beobachten die stille Bucht. Hinter mir spielt die Musik. Vor mir schlängelt sich warmer Wind durch karge Zypressen und streichelt mein Gesicht mit seinem salzigem Atem. Tanzende Schritte nähern sich. Ich nehme einen Schluck aus meinem Glas. Diesen einen Schluck, der mir nimmt, an was ich mich den ganzen vorherigen Abend habe festhalten können.
Zarte Haut berührt meine Hände, weiches Haar legt sich auf meinen Nacken. Tanzen ist nichts, das mich begeistert. Tanzen ist nichts, dass ich gut kann. Tanzen vor Fremden mit einer Fremden. Nichts wird mich dazu bewegen, meinen Platz hier an den Klippen zu verlassen. Nichts! Niemals!

Laternenhimmel:

Tanzen! Noch nie in meinem Leben habe ich mich so lebendig gefühlt. Tanzen ist der Sinn meines Lebens. Tanzen! Flammende Augen verbrennen meine Fusssohlen. Jede Sekunde, die ich ausruhe, wird zu einer schmerzhaften Rast. Die schönsten Zähne der Welt lächeln mich an. Mit offenem Mund bewegt sich mein Körper zu Klängen, die ich zuvor noch nie gehört habe. Klänge, die meine Seele tragen, als seien sie das Echo meines Herzschlags. Fingernägel schneiden sich voller Leidenschaft in meine Taille und malen blutige Liebesbekenntnisse auf meinen Rücken. Ich, das Raubtier, werde von meiner eigenen Beute zerfleischt. Ich, das Alphatier, folge jedem ihrer fremden Schritte. Kreisende Hüften nehmen mir die Kraft zu atmen, klatschende Hände wecken mich wieder auf.

Sonnenaufgang:

Erschöpft sitze ich an einem leeren Tisch und beobachte wie die Sonne durch ein tanzendes Lächeln entzündet wird und dankbar den Himmel hinauf klettert. Ihr Lächeln! Wunderschöne Hände jonglieren mit meinem Herzen, meiner Seele und meinem Verstand. Braungebrannte Schultern bewegen sich sanft wie Engelsflügel durch den lauen Morgen. Langsam schließen sich meine Augen und ich spüre wie noch immer der Takt des Südens meine Ohren verzaubert. Nach und nach entfernt sich die Melodie. Was bleibt ist der ruhige Rhythmus meines Atems und der Duft des Meeres. Und ihr Lächeln.

Sonne:

Grelles Licht schreit mir ins Gesicht. Zeit, aufzubrechen. Ich sammle meine Seele und meinen Verstand ein. Schon beginnt meine Rückreise in die Heimat. Mein Herz ist nicht zu finden. Dafür wohnt in mir nun etwas, dass mindestens genau so wundervoll ist und mir Leben schenkt. Ich sehe es jedes Mal, wenn ich meine Augen schließe. Und dann höre ich auch diese Melodie. Ihre Melodie…

kolo

-Ende-