Monatsarchiv: Oktober 2011

Episode 13

-Rückflug-

‚Ein echtes Wunder, dass man in dieser Einöde mit der ganzen Welt verbunden bleiben kann‘, dachte er und öffnete seinen Laptop. Nachdem er sich von seiner Frau getrennt hatte, kam es zu einem wochenlangen Streit um Hab und Gut. Nicht, dass er sich mitstreiten wollte, aber alles, was er seiner Ex zugestand, reichte wieder und wieder nicht aus. Dass sie gierig ist, wusste er schon immer, dass sie maßlos ist, war ihm irgendwie bewusst, dass sie aber auch unersättlich ist, ekelt ihn inzwischen an.
Er öffnete das Fenster. Es duftete nach Frieden. Vom See winkte die Sonne im Takt der vorüberziehenden Wolken und im Dorfhaus erklang wie jeden Abend fremde zuckersüße Musik.

Bevor ihm seine Ex-Frau noch das letzte nehme, was er sich über Jahre erarbeitet hatte, oder besser gesagt, was er IHR über die Jahre erarbeitet hatte, solle er doch gefälligst noch mal um die Welt reisen. Orte, von denen andere nur hören, Landschaften, von denen viele nur träumen. Der Rat seines besten Freundes stieß bei ihm auf fruchtbaren Boden. Und Geld, dass er nicht mehr habe, könne sie auch nicht einklagen. Ein Lächeln kroch auf sein Gesicht, während er aus dem Fenster schaute und zusah wie die Sonne ihre letzten Minuten nutze, um alles Leben mit Wärme zu füllen, so dass die dunklen Stunden bis zum Morgen keine unangenehme Zeit werden.
Lachende Kinder rannten durch die Straße vor der Pension und aufgeschreckte Vögel erfüllten die Luft mit einem schimpfenden Farbenschauer, der sich nach wenigen Sekunden wieder wie Morgentau auf die grünen Äste der eigentümlichen Bäume legte. Sein Herz klopfte. Fast sei es, als würde diese Reinheit des Seins seiner Seele Flügel verleihen und den Ballast der Konsumgesellschaft mit selbstverständlicher Leichtigkeit ersticken.
Die ältere Dame aus dem Nachbarhaus lächelte freundlich zur Pension hinüber.

Ein unangenehmes Geräusch zerriss den Tagtraum. Der Laptop war hochgefahren. Alle zwei Tage sollten die Mails geprüft werden, denn die Firma befand sich in einer wichtigen Phase. Die Bankenkrise, die Eurokrise, politische Unsicherheiten und Kriege in Ländern mit gut zahlenden Partnern sorgten für Verunsicherungen bei den Chefs und der Urlaub wurde nur geduldet, weil eben jene Möglichkeit bestand, sich weltweit per Email ins Geschehen einzuklinken.

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Sehr geehrter Kollege,

ich hoffe weiterhin, Sie haben einen entspannten Urlaub, wenngleich ich Ihren Zeilen keinen Glauben schenken kann. Sie waren ja noch nie in Kitzbühl im besagten Wellness-Hotel, so dass ich wirklich lachen musste, als Sie schrieben, dass Sie in Ihrer Hütte dort alles bekämen, was das Leben lebenswert macht.

Im Anhang finden Sie eine Umbuchungsbestätigung. Wir waren so frei, Ihnen den Rückflug schon am Samstag, nicht erst am Sonntag, zu ermöglichen. Zum einen sind Sie dann am Montag fit für die wichtigen Meetings, zum anderen hat die Maschine am Samstag einen wundervollen Duty-free-Katalog. Die Lederartikel sind von ausgezeichneter Qualität. Dort einkaufen, DAS wird sie glücklich machen und nicht eine Flucht in die Einöde.

Bitte laden Sie sich über folgenden Link unsere Strategiepläne für Montag runter und bereiten Sie sich so gut es geht vor, auch wenn Ihnen mit Ihrer Erfahrung vermutlich das Meiste bekannt vorkommen dürfte. Die Wortführung werde ohnehin ich übernehmen, Sie werden in erster Linie Fragen zu ihren Fachgebieten beantworten. Die Zahlen, die wir rausgegeben haben, sind im üblichen Sinne etwas modifiziert, so dass unsere Argumente überzeugen sollten.

Denken Sie daran, dass morgen wichtige Weichen gestellt werden, die im Anschluss zu Entscheidungen führen, die die Welt bewegen. Denken Sie daran, in Kooperation mit unserer Bank könnten wir es schaffen, dass wir auch die Stromkonzerne von unserer Philosophie überzeugen. Das könnte für Sie 50% mehr in Ihre Tasche bedeuten. Dann klappt es auch mit dem Urlaub in Kitzbühl.

Am Dienstag stelle ich Ihnen dann noch ein Konzept vor, dass lebensnotwendige Veränderungen in der Firmenstruktur umsetzt. Damit die Führungsetage keine verringerten Profitwachstumsraten in Kauf nehmen muss, haben wir über unsere politischen Partner eine entsprechende Gesetzgebung verzögert, die verhindert hätte, die entstehenden Kosten auf die Konsumenten umzulegen. Aus der Ihnen letze Woche vorgestellten 2,3-prozentigen Erhöhung werden nur drei einprozentige Erhöhungen über einen Zeitraum von 15 Monaten UND wir können auf Steuerentlastungen zurückgreifen, weil wir die angekündigte Personalreduzierung durch Kooperationsaufträge in Strukturförderregionen der EU ausgleichen. Wenn Sie da in den nächsten Wochen Gas geben, kann ich Ihnen versprechen, dass Sie sich dieses Jahr Weihnachten eine goldene Tanne ins Wohnzimmer stellen können. (Sofern Ihnen Ihr Haus dann noch gehört! – Kleiner Scherz am Rande)

Rufen Sie mich bitte Sonntag gegen Mittag an und lassen Sie uns kurz vereinbaren, wie wir am Montag verfahren.

Ich wünsche einen angenehmen Rückflug und bringen Sie mit irgendwas Schickes mit. Dort wird ja zu fantastisch günstigen Preisen produziert und die Leute freuen sich sogar, wenn man ein paar Cent Trinkgeld gibt. Davon sollten sich unsere gierigen Angestellten in Europa mal eine Scheibe abschneiden.

Mit freundlichen Grüßen.

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Hier unten am Grund des Sees war es etwas dunkel, aber man konnte lesen, was vom Laptop-Bildschirm über den schlammigen Boden strahlte. Die Wasserschnecke schüttelte mit dem Kopf und sagte: „Kein Wunder, dass die Menschen ihren Müll in unseren See schmeißen!“
Sie blickte zum Karpfen hoch, der grimmig Richtung Ufer schaute. „Wenn ich Reißzähne hätte, würde ich diesen Typen zur Strafe beißen! Morgen… Wenn er wiederkommt und sich zufrieden grinsend ans Ufer setzt und seine weißen stickenden Füße ins Wasser baumeln lässt!“
„Hier ist noch eine Krawatte und ein Handy und dort das könnte eine Kreditkarte sein.“ Aufgeregt hetzte der kleine Süßwasserkrebs durch die zum Grund sinkenden Gegenstände. Meistens war er der Erste, der etwas Brauchbares fand.
Die Wasserschnecke ging gemütlich ihres Weges und der Karpfen grunzte immer noch Richtung Ufer.

see

Aus dem Fenster der Pension blickte ein lächelnder Mann auf einen ruhigen See. Irgendwie passte er nicht in diese Gegend, aber diese Gegend passte zu ihm. Von all der Hektik unter der Oberfläche bemerkte er allerdings nichts. Nicht heute, nicht morgen und auch nicht in den kommenden 62 Jahren.

-Ende-

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Episode 12

-Reise-

„Möglicherweise“, sagte mein Großvater: „Möglicherweise bist du, der du dich tätowiert hast, der einen vollen Bart im Gesicht hat und der du jedes Wochenende laut schreiend durch die Diskotheken hüpfst, doch nur ein Nichts in dieser toten Gesellschaft. Ein Nichts im Nichts! Und auch deine Schwester mit ihren langen schönen Beinen und ihren leuchtenden Augen stolziert auf einer Wolke falscher Bestätigungen durch die bunte große Stadt!“

Obwohl mein Großvater ein kranker gebrechlicher Mann war, kaum fähig aus seinem Lehnsessel aufzustehen, waren seine Worte voller Klarheit, voller Feuer und jugendlicher als jeder meiner Gedanken. „Was beklagst du dich, du hättest viel zu arbeiten und würdest dafür keine gesellschaftliche Anerkennung bekommen? Schreibst du mir das das nächstes Mal auf deine Postkarte aus dem sonnigen Spanien, damit ich weiß, dass du auch im Urlaub die Schwere deiner Seelenlast nicht abgelegt hast?“

„Lass den Jungen doch Urlaub machen!“ Meine Großmutter mischte sich in die Unterhaltung ein. „Liebste Frau, dass dein Enkel Urlaub macht, das sei ihm gegönnt, aber dass jemand, der mit seinem Mobilfunkgerät intimste Gedanken mit fremden Mädchen austauschen kann, ohne je die moralische Hürde des wachsamen Vaters, der neben dem Haustelefon sitzend der Tochter zuhört, überwinden muss, mir etwas darüber erzählen möchte, dass die Gesellschaft ihm das Leben schwer macht, der hat es nicht verdient, meinen Nachnamen zu tragen! Geht der junge Herr mit seinen gefährlichen Tattoos den auch mal raus auf die Straße und kämpft für mehr ‚Gerechtigkeit‘, streitet sich für seine Überzeugungen oder informiert wenigstens andere darüber, was seiner Meinung nach falsch läuft?“

Irgendwie hatte er Recht, ich saß ja tatsächlich die meiste Zeit zu Hause und spielte über meine Facebookseite der Menschheit vor, jemand zu sein, der ich nicht war. Mit gestellten Fotos, um aufregend zu wirken, mit geklauten Statussprüchen, um intelligent zu wirken und mit pseudorebellischen Links, die suggerierten, ich sei engagiert. Ich war ja auch irgendwie engagiert. Ich wusste ja meistens, wie die Tabelle der Fussball-Bundesliga aussah und ich hatte eine gigantische Sammlung von Telefonnummern hübscher Frauen, die ich alle regelmäßig mit identischen witzigen Kurztexten über Whatsapp fütterte. Ich fühlte mich irgendwie besonders, war aber vermutlich einfach nur besonders normal.

Ich hatte nun also zwei Möglichkeiten, um meine Situation zu ändern und die Worte meines Großvaters zu widerlegen. Entweder musste ich mich tatsächlich engagieren, tatsächlich etwas tun und tatsächlich rebellieren, die Gesellschaft aufregen, meine Zukunft aufs Spiel setzen, um überhaupt erst eine lebenswerte Zukunft zu bekommen. Ich konnte also einerseits das tun, was mein Großvater geschätzt hätte, oder aber ich konnte das genaue Gegenteil tun. Noch scheinheiliger, noch niveauloser und gleichzeitig dadurch noch normaler im Sinne unserer kranken Gesellschaft werden als ich ohnehin schon war.

So gleite ich also hier und überlege, was mich immer wieder dazu veranlasst, das verdammt noch mal Falsche zu tun? Selbstverständlich habe ich zu viel getrunken, hatte zu viel Sex, der im übrigen ungeschützt mit für ihre zügellose Zuneigung stadtbekannten Damen stattfand und… Moment… Sex…? Stattfand…? Nicht ein mal die intimsten Tätigkeiten lösen bei mir noch ein emotionale Regung aus. Ist das 2011? Ist das das Los unserer Generation? Dass wir allen Spaß der Welt haben und in diesem Sumpf aus Fun und Freude überhaupt nicht mehr erkennen, dass wir durch einen Nebel aus Zuckerwatte gleiten. Diese süße Masse, die unseren Augen schmeichelt, die unsere Genussnerven kitzelt, uns aber von innen zerfrisst?

Kurz denke ich, dass ich vielleicht lieber hätte etwas höher… Aber naja… Es müsste eigentlich reichen… Hoffentlich…

Was ich hier jetzt gerade mache und wem ich damit etwas beweisen will, weiß ich nicht. Aber wenigstens ist das jetzt gerade nicht ganz so normal. Wobei… Was ist schon unnormal? Wenn ich jetzt gerade, also hier und währenddessen, noch Oralsex mit einem Rehpinscher hätte, dann eventuell, würde man die morgige Schlagzeile über mich auf Facebook finden. Ändert das etwas an der Gesellschaft? Oder an mir? Oder an euch? Meine Großmutter sagte an dem Tag, an dem mein Großvater mir diese Standpauke hielt noch etwas, dass mir auch im Kopf blieb: „Liebster Mann, wenn du unserem Enkel etwas mitteilen willst, was er sein Leben nicht vergisst, dann nicht durch laute Worte. Leb es vor, damit er es sieht, lobe ihn, wenn er es nachlebt, damit er es fühlt und lass ihn von anderen hören, wie du mit Stolz über ihn erzählst, damit er nie aufhört, dir ein guter Enkel zu sein!“ …

Hätte ich mich an diesen Satz doch nur zwei Sekunden eher erinnert…

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