Archiv der Kategorie: Hügel

Episode 8

-Krähen-

Das Tor:

„Nebel! Nebel ist gut. Wisst ihr, Nebel ist etwas Wundervolles. Dann sehe ich nicht, wo die Reise hingeht. Ich folge nur meinen Instinkten. Nebel! Ich mag Nebel. Und ihr mögt ihn auch.“

Ein junger Mann geht durch die morgendlichen Straßen und scheint mit sich selbst zu reden:

„Schritt um Schritt geht es voran. Und ihr mögt das auch. Schritt um Schritt voran zu gehen. Im Nebel. Wundervoller Nebel. Keiner sieht wirklich, was man tut. Man ahnt es nur. Man hört es. Man riecht es. Man spürt es. Aber man sieht es nicht. Und dann denkt man, es sei nicht wahr, denn wahr ist nur, was man sieht und was man spürt, ist nie wahr. Und ihr spürt auch etwas, aber denkt es sei unwahr. Ich mag den Nebel.“

Die Kreuzung:

„Mir gefällt es nicht, dass ihr so ruhig seid. Ruhe ist gut, aber diese Ruhe ist gespielt. Ihr spielt eure Ruhe nur. Ist es euch hier zu hell? Sobald wir aus der Stadt sind, wird es weniger hell sein. Und niemand sieht euch dort. Dort ist es einsam. Und sicher ist dort auch noch Nebel. Wundervoller Nebel. Nebel, der alle anderen über euch im Unklaren lässt. Wisst ihr, ich mag euch alle und ich werde dafür sorgen, dass ihr mir nicht weggenommen werdet. Manch einer sagt, was ich täte, also, was ich mit euch täte, würde unweigerlich dazu führen, dass etwas Schlimmes passiert. Ihr braucht gar nicht so erschrocken zu schauen. Ich bitte euch. Jeder von euch trägt seine Narben, aber ihr seid noch immer alle beisammen. Und ihr mögt es, beisammen zu sein.“

Der Hügel:

„Möglicherweise. Möglicherweise tut man nicht immer das Richtige. Aber man tut das was man gewohnt ist, zu tun. Das muss nicht das Richtige sein, aber so wird es wenigstens nicht falscher. Was du liebst, das lass frei. Kehrt es zu dir zurück, gehört es dir. Für immer. Sagt man. Aber wer garantiert mir, dass es zurück kommt? Ihr zumindest kommt ganz sicher zurück. Ihr werdet keine andere Wahl haben. Aber ihr mögt es ja beisammen zu sein, also müsst ihr auch alle beisammen gehalten werden. Vor allem, wenn ihr bedenkt, dass es nebelig ist. Wie leicht kann man sich da aus den Augen verlieren? Nebel schützt dich, aber jeder Vorteil ist immer auch ein Nachteil. Du musst nur auf die andere Seite gehen. Nicht mit dem Licht schauen, sondern in das Licht hinein. Dann werden dir nicht die Gefahren beleuchtet, dann blenden sie dich und bevor du dich versiehst, frisst dich der Schmerz auf. Dann liegst du blutleer und halb erfroren in einer Pfütze aus mutloser Wahrheit. Du kannst loslassen und mit dem Licht fließen. Du kannst aufsteigen. Fliegen! Glück finden. Du kannst aber auch den Halt verlieren und stürzen. Ihr fliegt doch gerne. Ihr mögt fliegen. Aber im Nebel verliert man all zu schnell den Halt. Man kann sich nicht orientieren. Und wenn einem niemand den Weg ruft, wird man stürzen und den Schmerz spüren. Aber keine Angst. Ihr habt Angst? Ich auch. Aber das müssen wir nicht. Ich beschütze euch. Und ihr bleibt ja bei mir.“

Am Waldrand:

Ein junger Mann steht im Nebel und öffnet seinen Mantel. Nur die obersten drei Knöpfe. Unter unerträglichen Schmerzen und mit größter Anstrengung presst er seine Hände gegen seinen Brustkorb. Wenn man es genau betrachtet, drückt er eigentlich seine Fingerspitzen in seine Haut. Tiefer. Immer tiefer. Die Haut reißt. Das Fleisch offenbart sich. Blut rinnt an seinem Bauch hinab und tränkt seinen Mantel. Immer weiter bohren sich die Finger in ihn, bis sie schließlich vollständig eingedrungen sind.
Mit einer kurzen, schmerzhaften Bewegung öffnet der junge Mann seinen Leib, um anschließend mit äußerster Vorsicht einen Käfig voller Krähen zu entnehmen. Er stellt den Käfig ab und schließt seinen Mantel wieder.
Erschöpft öffnet er die Käfigtür.
„Leider habe ich vergessen wie ihr heißt. Aber ich habe nicht vergessen, wie schmerzhaft es für meine Freunde war, wenn sie einen von euch verloren hatten. Gewiss, die Freude war groß, wenn einer höher fliegen konnte als man dachte und am Ende nicht verloren ging. Die Freude war unermesslich groß. Ich möchte eher von Glück sprechen, denn von Freude. Aber die Trauer, wenn einer verloren ging, war grauenvoll. Ihr geht mir nicht verloren. Versprochen? Versprochen!“
Dann ließ er sie fliegen. Im Nebel. Und keiner konnte es sehen.

Vögel

-Ende-

Werbeanzeigen

Episode 6

-Frühling-

Juli:

Ein Junge, kaum älter als die Zeit, sitzt auf einem Stein und blickt in den Himmel. Um seinen Hals trägt er an einer eisernen Kette sein Herz. Wie ein wilder Hengst reißt das Herz an seiner Kette. Es windet und dreht sich, es zieht und gibt wieder nach. In seinem unbändigem Gezerre fügt es sich Narbe über Narbe zu. Es springt, faucht und kratzt. Es stößt sich und erdrosselt sich beinahe. Es rastet kurz, wartet auf einen günstigen Moment und beginnt seinen Kampf gegen das versklavende Metall erneut.
Der Junge aber liegt unbeteiligt auf seinem Rücken, kaut verwegen auf einem Grashalm und brennt mit seinem Blick Gräben in die Sommerwolken. Schönes zu zerstören, DAS ist seine Bestimmung! Aber fühlen kann er nichts.

Oktober:

Ein Junge, kaum größer als die Erde, sitzt auf einem Baumstamm und blickt ins Tal hinab. Um sein Handgelenk trägt er ein festes Tau, an dessem anderen Ende sein Herz die letzten herbstlichen Sonnenstrahlen einzufangen versucht. Unzufrieden dreht es sich auf der feuchten Wiese von einer Seite auf die andere, es stöhnt und zetert. Es sucht sich einen neuen Platz, nur um noch unzufriedener zu sein. Es steht auf, tritt einige Grashalme in die Luft, fängt an zu hüpfen und du rennen, stolpert schließlich über das lange Tau und bleibt danach resigniert im Schatten unter der kleinen Birke liegen.
Der Junge aber sitzt unbeteiligt auf dem Baumstamm, kaut in sich gekehrt auf seinen Fingernägeln und baut mit seinem Blick dunkle Mauern um die grüne Wiese. Schönes zu besitzen, DAS ist seine Bestimmung! Aber fühlen kann er wieder nichts.

Januar:

Ein Junge, kaum schneller als der Wind, steht am Ufer des Sees und blickt über die vereiste Fläche. Neben ihm hockt, ohne eine Kette oder ein Tau, sein Herz. Ihm ist viel zu kalt, als dass es die Gelegenheit nutzen würde. Wo solle es auch hin? Wer würde es wärmen? Wer würde es nähren? Wer würde es pflegen? Das Herz pustet in seine Hände und reibt sie aneinander. Warm wird ihm dadurch nicht, aber vielleicht merkt der Junge ja dadurch endlich, dass es Zeit wäre, einen angenehmeren Ort aufzusuchen.
Der Junge aber steht unbeteiligt am Ufer des Sees, lutscht unbeteiligt an einem Eiszapfen und zeichnet mit seinem Blick Kunstwerke auf die vereiste Oberfläche. Schönes zu erschaffen, DAS ist seine Bestimmung! Aber fühlen kann er auch dieses Mal nichts.

April:

Ein Junge, kaum merkwürdiger als das Leben, schwebt mit ausgebreiteten Armen über das Land. Unter ihm sein Herz, das ihn trägt. Mit großer Sorgfalt aber ohne Furcht steigt es höher und höher. Keine Kette, kein Tau und keine Kälte hindert es mehr daran, seine Kraft zu entfalten. Lange hatte es gedauert, bis verstanden wurde, dass man ein Herz nicht lenken kann, das man es nicht einschränken darf. Lange hatte es gedauert, bis genug Vertrauen entstand, dem Herz das Schicksal-Zeichnen zu überlassen.
Der Junge aber thront auf dem Herzen, ist noch immer verwundert darüber, welch‘ kräftige Schwingen ihn nun mit Leichtigkeit tragen und küsst mit seinem Blick alles, was durch den Frühling zu Leben erweckt wird. „Schönes fühlen, DAS ist deine Bestimmung!“, sagt der erste Schmetterling des Jahres und noch bevor die Worte das Ohr des Jungen erreicht hatten, war er verliebt…

Hügel

-Ende-