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Episode 12

-Reise-

„Möglicherweise“, sagte mein Großvater: „Möglicherweise bist du, der du dich tätowiert hast, der einen vollen Bart im Gesicht hat und der du jedes Wochenende laut schreiend durch die Diskotheken hüpfst, doch nur ein Nichts in dieser toten Gesellschaft. Ein Nichts im Nichts! Und auch deine Schwester mit ihren langen schönen Beinen und ihren leuchtenden Augen stolziert auf einer Wolke falscher Bestätigungen durch die bunte große Stadt!“

Obwohl mein Großvater ein kranker gebrechlicher Mann war, kaum fähig aus seinem Lehnsessel aufzustehen, waren seine Worte voller Klarheit, voller Feuer und jugendlicher als jeder meiner Gedanken. „Was beklagst du dich, du hättest viel zu arbeiten und würdest dafür keine gesellschaftliche Anerkennung bekommen? Schreibst du mir das das nächstes Mal auf deine Postkarte aus dem sonnigen Spanien, damit ich weiß, dass du auch im Urlaub die Schwere deiner Seelenlast nicht abgelegt hast?“

„Lass den Jungen doch Urlaub machen!“ Meine Großmutter mischte sich in die Unterhaltung ein. „Liebste Frau, dass dein Enkel Urlaub macht, das sei ihm gegönnt, aber dass jemand, der mit seinem Mobilfunkgerät intimste Gedanken mit fremden Mädchen austauschen kann, ohne je die moralische Hürde des wachsamen Vaters, der neben dem Haustelefon sitzend der Tochter zuhört, überwinden muss, mir etwas darüber erzählen möchte, dass die Gesellschaft ihm das Leben schwer macht, der hat es nicht verdient, meinen Nachnamen zu tragen! Geht der junge Herr mit seinen gefährlichen Tattoos den auch mal raus auf die Straße und kämpft für mehr ‚Gerechtigkeit‘, streitet sich für seine Überzeugungen oder informiert wenigstens andere darüber, was seiner Meinung nach falsch läuft?“

Irgendwie hatte er Recht, ich saß ja tatsächlich die meiste Zeit zu Hause und spielte über meine Facebookseite der Menschheit vor, jemand zu sein, der ich nicht war. Mit gestellten Fotos, um aufregend zu wirken, mit geklauten Statussprüchen, um intelligent zu wirken und mit pseudorebellischen Links, die suggerierten, ich sei engagiert. Ich war ja auch irgendwie engagiert. Ich wusste ja meistens, wie die Tabelle der Fussball-Bundesliga aussah und ich hatte eine gigantische Sammlung von Telefonnummern hübscher Frauen, die ich alle regelmäßig mit identischen witzigen Kurztexten über Whatsapp fütterte. Ich fühlte mich irgendwie besonders, war aber vermutlich einfach nur besonders normal.

Ich hatte nun also zwei Möglichkeiten, um meine Situation zu ändern und die Worte meines Großvaters zu widerlegen. Entweder musste ich mich tatsächlich engagieren, tatsächlich etwas tun und tatsächlich rebellieren, die Gesellschaft aufregen, meine Zukunft aufs Spiel setzen, um überhaupt erst eine lebenswerte Zukunft zu bekommen. Ich konnte also einerseits das tun, was mein Großvater geschätzt hätte, oder aber ich konnte das genaue Gegenteil tun. Noch scheinheiliger, noch niveauloser und gleichzeitig dadurch noch normaler im Sinne unserer kranken Gesellschaft werden als ich ohnehin schon war.

So gleite ich also hier und überlege, was mich immer wieder dazu veranlasst, das verdammt noch mal Falsche zu tun? Selbstverständlich habe ich zu viel getrunken, hatte zu viel Sex, der im übrigen ungeschützt mit für ihre zügellose Zuneigung stadtbekannten Damen stattfand und… Moment… Sex…? Stattfand…? Nicht ein mal die intimsten Tätigkeiten lösen bei mir noch ein emotionale Regung aus. Ist das 2011? Ist das das Los unserer Generation? Dass wir allen Spaß der Welt haben und in diesem Sumpf aus Fun und Freude überhaupt nicht mehr erkennen, dass wir durch einen Nebel aus Zuckerwatte gleiten. Diese süße Masse, die unseren Augen schmeichelt, die unsere Genussnerven kitzelt, uns aber von innen zerfrisst?

Kurz denke ich, dass ich vielleicht lieber hätte etwas höher… Aber naja… Es müsste eigentlich reichen… Hoffentlich…

Was ich hier jetzt gerade mache und wem ich damit etwas beweisen will, weiß ich nicht. Aber wenigstens ist das jetzt gerade nicht ganz so normal. Wobei… Was ist schon unnormal? Wenn ich jetzt gerade, also hier und währenddessen, noch Oralsex mit einem Rehpinscher hätte, dann eventuell, würde man die morgige Schlagzeile über mich auf Facebook finden. Ändert das etwas an der Gesellschaft? Oder an mir? Oder an euch? Meine Großmutter sagte an dem Tag, an dem mein Großvater mir diese Standpauke hielt noch etwas, dass mir auch im Kopf blieb: „Liebster Mann, wenn du unserem Enkel etwas mitteilen willst, was er sein Leben nicht vergisst, dann nicht durch laute Worte. Leb es vor, damit er es sieht, lobe ihn, wenn er es nachlebt, damit er es fühlt und lass ihn von anderen hören, wie du mit Stolz über ihn erzählst, damit er nie aufhört, dir ein guter Enkel zu sein!“ …

Hätte ich mich an diesen Satz doch nur zwei Sekunden eher erinnert…

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