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Episode 13

-Rückflug-

‚Ein echtes Wunder, dass man in dieser Einöde mit der ganzen Welt verbunden bleiben kann‘, dachte er und öffnete seinen Laptop. Nachdem er sich von seiner Frau getrennt hatte, kam es zu einem wochenlangen Streit um Hab und Gut. Nicht, dass er sich mitstreiten wollte, aber alles, was er seiner Ex zugestand, reichte wieder und wieder nicht aus. Dass sie gierig ist, wusste er schon immer, dass sie maßlos ist, war ihm irgendwie bewusst, dass sie aber auch unersättlich ist, ekelt ihn inzwischen an.
Er öffnete das Fenster. Es duftete nach Frieden. Vom See winkte die Sonne im Takt der vorüberziehenden Wolken und im Dorfhaus erklang wie jeden Abend fremde zuckersüße Musik.

Bevor ihm seine Ex-Frau noch das letzte nehme, was er sich über Jahre erarbeitet hatte, oder besser gesagt, was er IHR über die Jahre erarbeitet hatte, solle er doch gefälligst noch mal um die Welt reisen. Orte, von denen andere nur hören, Landschaften, von denen viele nur träumen. Der Rat seines besten Freundes stieß bei ihm auf fruchtbaren Boden. Und Geld, dass er nicht mehr habe, könne sie auch nicht einklagen. Ein Lächeln kroch auf sein Gesicht, während er aus dem Fenster schaute und zusah wie die Sonne ihre letzten Minuten nutze, um alles Leben mit Wärme zu füllen, so dass die dunklen Stunden bis zum Morgen keine unangenehme Zeit werden.
Lachende Kinder rannten durch die Straße vor der Pension und aufgeschreckte Vögel erfüllten die Luft mit einem schimpfenden Farbenschauer, der sich nach wenigen Sekunden wieder wie Morgentau auf die grünen Äste der eigentümlichen Bäume legte. Sein Herz klopfte. Fast sei es, als würde diese Reinheit des Seins seiner Seele Flügel verleihen und den Ballast der Konsumgesellschaft mit selbstverständlicher Leichtigkeit ersticken.
Die ältere Dame aus dem Nachbarhaus lächelte freundlich zur Pension hinüber.

Ein unangenehmes Geräusch zerriss den Tagtraum. Der Laptop war hochgefahren. Alle zwei Tage sollten die Mails geprüft werden, denn die Firma befand sich in einer wichtigen Phase. Die Bankenkrise, die Eurokrise, politische Unsicherheiten und Kriege in Ländern mit gut zahlenden Partnern sorgten für Verunsicherungen bei den Chefs und der Urlaub wurde nur geduldet, weil eben jene Möglichkeit bestand, sich weltweit per Email ins Geschehen einzuklinken.

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Sehr geehrter Kollege,

ich hoffe weiterhin, Sie haben einen entspannten Urlaub, wenngleich ich Ihren Zeilen keinen Glauben schenken kann. Sie waren ja noch nie in Kitzbühl im besagten Wellness-Hotel, so dass ich wirklich lachen musste, als Sie schrieben, dass Sie in Ihrer Hütte dort alles bekämen, was das Leben lebenswert macht.

Im Anhang finden Sie eine Umbuchungsbestätigung. Wir waren so frei, Ihnen den Rückflug schon am Samstag, nicht erst am Sonntag, zu ermöglichen. Zum einen sind Sie dann am Montag fit für die wichtigen Meetings, zum anderen hat die Maschine am Samstag einen wundervollen Duty-free-Katalog. Die Lederartikel sind von ausgezeichneter Qualität. Dort einkaufen, DAS wird sie glücklich machen und nicht eine Flucht in die Einöde.

Bitte laden Sie sich über folgenden Link unsere Strategiepläne für Montag runter und bereiten Sie sich so gut es geht vor, auch wenn Ihnen mit Ihrer Erfahrung vermutlich das Meiste bekannt vorkommen dürfte. Die Wortführung werde ohnehin ich übernehmen, Sie werden in erster Linie Fragen zu ihren Fachgebieten beantworten. Die Zahlen, die wir rausgegeben haben, sind im üblichen Sinne etwas modifiziert, so dass unsere Argumente überzeugen sollten.

Denken Sie daran, dass morgen wichtige Weichen gestellt werden, die im Anschluss zu Entscheidungen führen, die die Welt bewegen. Denken Sie daran, in Kooperation mit unserer Bank könnten wir es schaffen, dass wir auch die Stromkonzerne von unserer Philosophie überzeugen. Das könnte für Sie 50% mehr in Ihre Tasche bedeuten. Dann klappt es auch mit dem Urlaub in Kitzbühl.

Am Dienstag stelle ich Ihnen dann noch ein Konzept vor, dass lebensnotwendige Veränderungen in der Firmenstruktur umsetzt. Damit die Führungsetage keine verringerten Profitwachstumsraten in Kauf nehmen muss, haben wir über unsere politischen Partner eine entsprechende Gesetzgebung verzögert, die verhindert hätte, die entstehenden Kosten auf die Konsumenten umzulegen. Aus der Ihnen letze Woche vorgestellten 2,3-prozentigen Erhöhung werden nur drei einprozentige Erhöhungen über einen Zeitraum von 15 Monaten UND wir können auf Steuerentlastungen zurückgreifen, weil wir die angekündigte Personalreduzierung durch Kooperationsaufträge in Strukturförderregionen der EU ausgleichen. Wenn Sie da in den nächsten Wochen Gas geben, kann ich Ihnen versprechen, dass Sie sich dieses Jahr Weihnachten eine goldene Tanne ins Wohnzimmer stellen können. (Sofern Ihnen Ihr Haus dann noch gehört! – Kleiner Scherz am Rande)

Rufen Sie mich bitte Sonntag gegen Mittag an und lassen Sie uns kurz vereinbaren, wie wir am Montag verfahren.

Ich wünsche einen angenehmen Rückflug und bringen Sie mit irgendwas Schickes mit. Dort wird ja zu fantastisch günstigen Preisen produziert und die Leute freuen sich sogar, wenn man ein paar Cent Trinkgeld gibt. Davon sollten sich unsere gierigen Angestellten in Europa mal eine Scheibe abschneiden.

Mit freundlichen Grüßen.

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Hier unten am Grund des Sees war es etwas dunkel, aber man konnte lesen, was vom Laptop-Bildschirm über den schlammigen Boden strahlte. Die Wasserschnecke schüttelte mit dem Kopf und sagte: „Kein Wunder, dass die Menschen ihren Müll in unseren See schmeißen!“
Sie blickte zum Karpfen hoch, der grimmig Richtung Ufer schaute. „Wenn ich Reißzähne hätte, würde ich diesen Typen zur Strafe beißen! Morgen… Wenn er wiederkommt und sich zufrieden grinsend ans Ufer setzt und seine weißen stickenden Füße ins Wasser baumeln lässt!“
„Hier ist noch eine Krawatte und ein Handy und dort das könnte eine Kreditkarte sein.“ Aufgeregt hetzte der kleine Süßwasserkrebs durch die zum Grund sinkenden Gegenstände. Meistens war er der Erste, der etwas Brauchbares fand.
Die Wasserschnecke ging gemütlich ihres Weges und der Karpfen grunzte immer noch Richtung Ufer.

see

Aus dem Fenster der Pension blickte ein lächelnder Mann auf einen ruhigen See. Irgendwie passte er nicht in diese Gegend, aber diese Gegend passte zu ihm. Von all der Hektik unter der Oberfläche bemerkte er allerdings nichts. Nicht heute, nicht morgen und auch nicht in den kommenden 62 Jahren.

-Ende-

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