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Episode 14

-Sehnsucht-

Regen.
Der Regen streichelt mit sanfter Hand über ihren Nacken. Er küsst ihre Stirn und flüstert in ihr Ohr, dass das Leben wieder und wieder ihre Seele entzünden wird. Er, der Regen, werde aber zur Stelle sein. Er werde das Feuer löschen. Es mit einem feuchten Tuch ersticken bevor es so heftig brennt, dass die Blume in der Brust des Mädchens verglüht, bevor sie richtig blühen konnte. Das Mädchen dreht ihren MP3-Player lauter. Der Regen stimmt in das Lied mit ein.

Regen.
Der Regen reißt tiefe Gräben in die Gedanken des Jungen. Sie ging nach links, er geht nach rechts. Sie denkt nach Norden, er nach Süden. Das ist Liebe. Könnte es zumindest sein. Menschen zu vermissen, die wie ein eckiger Klotz deine runde Seele zerbeulen. Liebe ist ein Schmerz, dessen Ursprung du kennst. Kummer ist die Angst, diesen Ursprung zu verlieren. Ein glückliches Leben ist der Wechsel von unergründlichen Schmerzen zu durchschaubaren Schmerzen.
Wieder zerschneidet ein kühler Tropfen den Gedanken des Jungen und als er von seinem Gesicht abprallt und wie die anderen Tropfen seinem Tod auf dem nassen Boden entgegen rast, ruft er mit letzter Energie: „Lass sie nicht gehen!“

Dunkel.
Mit dem Rücken zur Wand steht Sie in einer dunklen Gasse und schaut ängstlich über die Straße. Auf der anderen Seite des angrenzenden Parks schaut ein Junge auf den Boden und malt mit seinem blutenden Herzen den Namen seiner Angebeteten in die Luft.
Die Gasse hinunter geht ein hübsches Mädchen und wischt sich verwirrte Tränen aus ihrem stolzen Gesicht.
Plötzlich streift eine streunende Katze Ihre Beine. Mit ihrem vernarbten Gesicht schaut die Katze zu Ihr hinauf und fragt: „Wer bist du, dass du dich hier versteckst, wo du doch anderswo so dringend benötigt wirst?“
„Ich ziehe mich zurück. Mir geht es nicht gut. Ich könnte sterben.“
„Ach? An was leidest du denn, dass du sterben könntest?“
„Ich bin schlecht genährt, habe oft das falsche gegessen. Ständig werde ich falsch verstanden oder verstehe selber andere falsch. Mal gibt es Momente, da pflegt und verwöhnt man mich, nur um mich einige Sekunden später mit doppelter Intensität zu verletzen. Und oft sind die, zu denen ich Vertrauen bekomme, diejenigen, die es mit mir am Schlimmsten meinen.“
„Nun, da geht es dir wie mir. Deine Worte könnten von mir stammen. Oft ergeht es mir so. Doch meistens nur dann, wenn die Hand, die mich füttert nicht weiß, wie es mir ergeht, wenn sie mir Schlechtes antut. Ich habe mich oft versteckt und den Kummer und das Leid triumphierend durch die Gassen schlendern lassen und habe mich nur blicken lassen, wenn sie fort waren. Kamen sie zurück, habe ich mich sofort wieder verkrochen. Jedes Mal. Und nichts besserte sich. Bis ich eines Tages vergaß, mich zu verstecken und als ich sie sah, den Kummer und das Leid, da musste ich kämpfen. Wir schlugen, traten, kratzten und bissen uns. Bis auf’s Blut. Und mit letzter Kraft schleppte ich mich zu dem, der den Kummer und das Leid einlud. Als er mich sah, erschrak er. Ihm war nicht klar, was er zuvor getan hatte. Ihm war es niemals aufgefallen, doch da nahm er und pflegte mich. Er sah die Welt danach anders. Er wachte in diesem Moment auf. Er behandelt mich seitdem gut und wenn sich der Kummer oder das Leid durch unsere Straßen treiben, ziehen wir gemeinsam los, um sie wieder zu verjagen.“
Die Katze leckte ihre Pfotze, schaute sich kurz um und zog dann ohne einen Abschiedsgruß weiter.

Licht.
Ich könnte sterben. Ich könnte sterben und wäre alle Sorgen los. Ich könnte streben. Das würde alles sehr einfach machen. Dann lächelt Sie.
Sie atmet tief durch, dann rennt Sie zu dem Jungen, reißt ihn von seiner Bank hoch und zieht so fest Sie kann an seinem Herzen, zieht ihn zu dem Mädchen. Der Junge rennt, rennt so schnell er kann.
Sie ist eher bei dem Mädchen. Sie nimmt das Mädchen und dreht es um. Das Mädchen wischt sich den Regen und ihre Tränen aus den Augen und sieht den Jungen heranstürmen. Kurz vor ihr hält er an. Sie rennen sich nicht in die Arme. Noch liegt eine erdrückende Schwere in der Luft.
„Wieso bist du hier?“, fragt das Mädchen.
„Die Liebe hat mich zu dir gebracht. Die Liebe!“

regen

Regen.
Ein etwas verwirrter aber glücklicher Junge umarmt sein skeptisches aber glückliches Mädchen im strömenden Regen. Die Liebe lächelt überlegen dem Kummer und dem Leid am Ende der Gasse zu.

-Ende-

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