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Episode 11

-Lächeln-

Noch vier Tage

Seine Augen leuchten. Sie leuchten fast heller als die Sonne, die an diesem Sommertag ihr breitestes Lächeln aufgesetzt hat. Drei Kugel? Vier Kugel? Sechs? Die Mutter lächelt sanft und bezahlt den grauen Mann hinter dem Tresen. Als sie den Laden verlassen, blickt sie in Augen, die ihr Glück gar nicht fassen können. Vanille, Schokolade. Pistazie, Erdbeer. Noch mal Pistazie und zum Schluss ein mal die Vanille mit Schokostückchen. Stracciatella hieße diese Sorte. Und alles in einer Waffel!

Noch drei Tage

Das Aufstehen fällt ihr schwer. Schlaf ist etwas, das sie nur noch aus der Erinnerung kennt. Als sie die Tür öffnet, rennt ihr alles was es wert ist zu leben nackt in ihrem Arme. Eine Umarmung. Ein Kuss. Ein Lachen. Dieses Lachen hat sie schon unzählige Male erlebt. Dieses Lachen! Das Lachen, das sie nicht mit ihren Ohren, sondern mit ihrem Herzen hört. Und dann tausend Worte. Nicht nacheinander, sondern nebeneinander.
Der Tag sei unerträglich heiss. Jetzt schon, um kurz vor neun Uhr morgens. Aber wenn der Pool aufgebaut sei, könne man es ertragen. Vorsichtshalber sollte man ohne Kleidung den Tag beginnen, man laufe sonst Gefahr, so viel zu schwitzen, dass man ganz weich und matschig werde. Nudeln würden auch bei Hitze weich und matschig. Zumindest, wenn man sie im Topf schwitzen ließe.
Die Mutter lächelt sanft. Dann geht sie ins Wohnzimmer und führt ein langes Telefonat. Das Lächeln ist verschwunden.

Noch zwei Tage

Wieso Tiere nicht lesen könnten? Die Mutter überlegt kurz, aber eine sinnvolle Antwort fällt ihr nicht ein. Tiere können alles sehen, was Menschen auch sehen, aber für die Tiere haben die menschlichen Zeichen und Zahlen keine Bedeutung. Ob es dann nicht ein viel schöneres Leben sei, ein Tier zu sein? Schließlich könne man sich einfach selber aussuchen, wie viel man für ein Eis bezahle. Der Mann hinter dem Tresen dürfte sich ja nicht beschweren, wenn man nicht die richtige Zahl auf dem Geldstück erkennt. Das könne man doch ausnutzen. Das sei doch total schlau. Und wenn ein Schild sagt, dort müsse man langsam fahren, könne man einfach ohne zu bremsen weiterfahren und die Polizei dürfe nichts sagen.
Die Mutter lächelt sanft. Nachdem sie ihren Sohn angeschnallt hat, fahren sie los. Sie fragt ihren Sohn warum er plötzlich so still sei. Er möge die Frauen dort nicht, sie würden stinken. Kurz ist es ruhig, dann stellt er wieder Fragen über Tiere.

Noch einen Tag

Alles erledigt. Die Liste ist abgehakt. Alles erledigt.
Alle erledigt.
Die Mutter versucht sich zu konzentrieren, aber immer und immer wieder verschwimmt der Text auf den Zetteln. Eigentlich kann sie die Zeilen inzwischen auswendig. Aber sie hofft weiterhin, etwas übersehen zu haben, das aus ihrem sanften Lächeln wieder ein lebendiges Lachen machen kann. Ein Lachen, wie sie es den ganzen Morgen bereits aus ihrem Garten hört. Sie stellt sich ans Fenster und blickt auf das glücklichste Kind der Erde. Sie lächelt sanft. Dann dreht sie sich wieder ab und geht gefasst in Richtung Badezimmer. Auf dem Flur werden ihre Schritte ungleichmäßiger. Hektischer. Unsicher. Sie beeilt sich und schließt die Tür von innen zu.
Die Sonne strahlt mit all ihrer Kraft und beleuchtet für den lachenden Jungen die wundervolle, farbenfrohe Welt. Die Sonne weiß, was hier geschieht. Sie strahlt heller und heller. Sie versucht es. Sie schickt die Wolken fort und befiehlt den Vögeln zu tanzen und zu singen. Noch nie, seit es die Erde gibt, hat sich die Sonne so sehr bemüht, die Welt und all das Glück und die Freude, die auf ihr wohnen, zu bescheinen.
Doch in des Badezimmer dringt nicht ein einziger Lichtstrahl. Nichts vermag es, in die Dunkelheit und Kälte, die die Mutter dort frei gelassen hat, einzudringen.

Heute!

Die Mutter lächelt sanft. Noch fünf Minuten brauche er. Er müsse so viel mitnehmen, wie er könne. Er atmet tief ein und nur ganz vorsichtig aus. Tief ein. Vorsichtig aus. Ein Eis könne sie ihm später vorbei bringen, aber das hier, das könne sie gar nicht tragen. Niemand kann es tragen, aber er habe herausgefunden, wie er es mitnehmen könne. Wie er SIE mitnehmen kann! Ganz vorsichtig spricht er diese Worte. Atmet dabei kaum aus. Danach wieder tief ein und vorsichtig aus. Dort gebe es leider viel zu wenig davon. Aber hier wäre alles davon erfüllt. Das Bett. Der Garten. Das Essen. Die Spielsachen. Das Sofa. Die Stehlampe im Flur. Das gelbe Lieblingskleid der Mutter. Die Nachbarskatze. Und vor allem die Luft. Die ganze Luft sei voll davon. Erfüllt von Liebe. Liebe, die man nur hier finde. Liebe, die hier in der Luft sei. Und die man in den Augen der Mutter erkennen könne. Man müsse nur immer so tun, als würde man nicht merken, dass die Mutter einen beobachte, dann könne man Augen voller Liebe sehen. Unsicher lächelnd blickt der Junge zu seiner Mutter.
In ihrer Hand hält sie eine Mappe mit medizinischen Unterlagen. Dazwischen klemmt eine Broschüre des Bestattungsunternehmens. „Noch zwei Minuten, dann müssen wir los.“ Die Mutter lächelt sanft. Der Junge dreht seinen Kopf wieder zum Ventilator und atmet so tief ein wie er kann.

junge

-Ende-

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