Schlagwort-Archive: Wohnung

ivii78 – Episode 15

-Sklave-

Gefangen in einem Palast aus warmer Kaminluft und verstaubten Kinderfotos, blicke ich auf dem Sofa liegend an die Decke. Die Zeit höchstpersönlich scheint neben mir zu liegen, hat die Sprintschuhe ausgezogen und die Beine hochgelegt. Nur keine Eile! „Diese ganze Hektik wird keinem von uns vor Dingen bewahren, die weh tun!“… Ich denke nach über diesen Satz, den meine Oma so beiläufig erwähnt.

„Ganz im Gegenteil! Wenn jemand sich das, was er tun will, in einen Kalender eintragen muss, damit er es nicht vergisst, hat er den Respekt vor all diesen Dingen oder Menschen verloren. Dieser Mensch ist nur noch ein Sklave von Verpflichtungen.“
Ich drehe mich auf die Seite. „Aber du bist doch auch genau so ein Sklave deiner Verpflichtungen? Ob man sie nun aufschreibt oder sich merken kann, spielt doch keine Rolle.“
Meine Oma lächelt und steht auf. Sie geht in die Küche. „Möchtest du auch einen Tee?“, ruft sie.

Obwohl meine Oma im Grunde keinen anderen Tee als ich selber kauft, schmeckt ihrer besser. Er schmeckt lebendiger. Er schmeckt reeller und ich verbrühe mich nicht so schnell daran. Wieso hat bei Großeltern alles irgendwie mehr Seele als bei jungen Menschen?

Meine Oma nimmt einen Schluck aus ihrer Tasse und lehnt sich zurück. Ich beobachte sie dabei und erkenne, dass jede Faser ihres Körpers erst auf das Trinken und dann auf das Zurücklehnen konzentriert ist. Habe ich schon jemals in meinem Leben eine bewusste Alltagsbewegung vollzogen? Ich erschrecke vor mir selbst, als ich merke, dass auch ich mich inzwischen hingesetzt und vom Tee getrunken habe.

„Ein Bauer, der 10 Rinder hat, kennt alle seine Rinder beim Namen und er ist auch für die Rinder so oft präsent, dass auch sie ihn kennen lernen. Wir alle sind Sklaven unserer Bedürfnisse. Der Bauer füttert seine Rinder und die Rinder füttern irgendwann den Bauern. Aber Bedürfnisse sind Verpflichtungen, die einem unumgänglichen Zweck dienen und die ein respektvolles und fürsorgliches Miteinander voraussetzen. Ein Bauer hingegen, der 200 Rinder hat, … du kannst dir denken, worauf ich hinaus will. Was daran fürsorglich oder respektvoll sein soll, Aktivitäten in einen Zeitplan zu quetschen, das muss man mir auf meine alten Tage wirklich noch mal erklären. Und ganz bestimmt gibt es zwischen vielen dieser Terminteilnehmer keine weitere Beziehung als das Geldverdienen und wenn deine Verpflichtung dich zu Taten zwingt, ohne dass Respekt und eine tiefere Beziehung existieren, dann empfinde ich das so, als würde ein Herrscher einen Sklaven vor sich her treiben.“

Ich ertappe mich, wie ich mit tiefen Furchen auf der Stirn in meinen Tee starre. „Aber es ist halt leider anders kaum möglich, sein Leben so aufzubauen, dass man so viel Geld verdient, dass man damit zufrieden seine Tage gestalten kann.“
„Das einzige, was dich zufrieden machen kann, ist Liebe! Die Liebe zwischen Familienmitgliedern, zwischen Freunden oder zwischen Mann und Frau… Oder zwischen Partner und Partner, heutzutage spielt das ja nicht mehr so eine Rolle, wer was ist und weshalb. Aber am Ende zählt die Liebe! Und wer sich zum Sklaven macht, der verlernt zu lieben. Wer zu viel macht, schafft keine Wertschätzung für das, was er tut und was resultiert daraus? Er verlernt zu lieben. Wer auf zu vielen Hochzeiten tanzt, ist zwar immer da, wenn man ihn braucht, aber schon wieder weg, wenn man ihn lieben möchte. Und was bedeutet das? Er verlernt auch, sich lieben zu lassen. Es hat einen guten Grund, wieso viele Menschen auf der Welt den Tod in Kauf nahmen, um zu verhindern, dass es weiterhin Sklaven gibt. Aber die Herrscher der Welt haben einen neuen Weg gefunden, sich Sklaven zu halten. Und den meisten ist es egal, weil sie verlernt haben, zu lieben oder sich lieben zu lassen. Es fehlt ihnen ja also am Ende auch nichts. Noch nicht…“

Ich trinke meinen Tee aus und lege mich wieder auf das Sofa. Neben mir liegt die Zeit. Sie hat ihre Sprintschuhe wieder angezogen und zwinkert mir mit einem Auge zu… Dann ist sie weg…

bild


Episode 11

-Lächeln-

Noch vier Tage

Seine Augen leuchten. Sie leuchten fast heller als die Sonne, die an diesem Sommertag ihr breitestes Lächeln aufgesetzt hat. Drei Kugel? Vier Kugel? Sechs? Die Mutter lächelt sanft und bezahlt den grauen Mann hinter dem Tresen. Als sie den Laden verlassen, blickt sie in Augen, die ihr Glück gar nicht fassen können. Vanille, Schokolade. Pistazie, Erdbeer. Noch mal Pistazie und zum Schluss ein mal die Vanille mit Schokostückchen. Stracciatella hieße diese Sorte. Und alles in einer Waffel!

Noch drei Tage

Das Aufstehen fällt ihr schwer. Schlaf ist etwas, das sie nur noch aus der Erinnerung kennt. Als sie die Tür öffnet, rennt ihr alles was es wert ist zu leben nackt in ihrem Arme. Eine Umarmung. Ein Kuss. Ein Lachen. Dieses Lachen hat sie schon unzählige Male erlebt. Dieses Lachen! Das Lachen, das sie nicht mit ihren Ohren, sondern mit ihrem Herzen hört. Und dann tausend Worte. Nicht nacheinander, sondern nebeneinander.
Der Tag sei unerträglich heiss. Jetzt schon, um kurz vor neun Uhr morgens. Aber wenn der Pool aufgebaut sei, könne man es ertragen. Vorsichtshalber sollte man ohne Kleidung den Tag beginnen, man laufe sonst Gefahr, so viel zu schwitzen, dass man ganz weich und matschig werde. Nudeln würden auch bei Hitze weich und matschig. Zumindest, wenn man sie im Topf schwitzen ließe.
Die Mutter lächelt sanft. Dann geht sie ins Wohnzimmer und führt ein langes Telefonat. Das Lächeln ist verschwunden.

Noch zwei Tage

Wieso Tiere nicht lesen könnten? Die Mutter überlegt kurz, aber eine sinnvolle Antwort fällt ihr nicht ein. Tiere können alles sehen, was Menschen auch sehen, aber für die Tiere haben die menschlichen Zeichen und Zahlen keine Bedeutung. Ob es dann nicht ein viel schöneres Leben sei, ein Tier zu sein? Schließlich könne man sich einfach selber aussuchen, wie viel man für ein Eis bezahle. Der Mann hinter dem Tresen dürfte sich ja nicht beschweren, wenn man nicht die richtige Zahl auf dem Geldstück erkennt. Das könne man doch ausnutzen. Das sei doch total schlau. Und wenn ein Schild sagt, dort müsse man langsam fahren, könne man einfach ohne zu bremsen weiterfahren und die Polizei dürfe nichts sagen.
Die Mutter lächelt sanft. Nachdem sie ihren Sohn angeschnallt hat, fahren sie los. Sie fragt ihren Sohn warum er plötzlich so still sei. Er möge die Frauen dort nicht, sie würden stinken. Kurz ist es ruhig, dann stellt er wieder Fragen über Tiere.

Noch einen Tag

Alles erledigt. Die Liste ist abgehakt. Alles erledigt.
Alle erledigt.
Die Mutter versucht sich zu konzentrieren, aber immer und immer wieder verschwimmt der Text auf den Zetteln. Eigentlich kann sie die Zeilen inzwischen auswendig. Aber sie hofft weiterhin, etwas übersehen zu haben, das aus ihrem sanften Lächeln wieder ein lebendiges Lachen machen kann. Ein Lachen, wie sie es den ganzen Morgen bereits aus ihrem Garten hört. Sie stellt sich ans Fenster und blickt auf das glücklichste Kind der Erde. Sie lächelt sanft. Dann dreht sie sich wieder ab und geht gefasst in Richtung Badezimmer. Auf dem Flur werden ihre Schritte ungleichmäßiger. Hektischer. Unsicher. Sie beeilt sich und schließt die Tür von innen zu.
Die Sonne strahlt mit all ihrer Kraft und beleuchtet für den lachenden Jungen die wundervolle, farbenfrohe Welt. Die Sonne weiß, was hier geschieht. Sie strahlt heller und heller. Sie versucht es. Sie schickt die Wolken fort und befiehlt den Vögeln zu tanzen und zu singen. Noch nie, seit es die Erde gibt, hat sich die Sonne so sehr bemüht, die Welt und all das Glück und die Freude, die auf ihr wohnen, zu bescheinen.
Doch in des Badezimmer dringt nicht ein einziger Lichtstrahl. Nichts vermag es, in die Dunkelheit und Kälte, die die Mutter dort frei gelassen hat, einzudringen.

Heute!

Die Mutter lächelt sanft. Noch fünf Minuten brauche er. Er müsse so viel mitnehmen, wie er könne. Er atmet tief ein und nur ganz vorsichtig aus. Tief ein. Vorsichtig aus. Ein Eis könne sie ihm später vorbei bringen, aber das hier, das könne sie gar nicht tragen. Niemand kann es tragen, aber er habe herausgefunden, wie er es mitnehmen könne. Wie er SIE mitnehmen kann! Ganz vorsichtig spricht er diese Worte. Atmet dabei kaum aus. Danach wieder tief ein und vorsichtig aus. Dort gebe es leider viel zu wenig davon. Aber hier wäre alles davon erfüllt. Das Bett. Der Garten. Das Essen. Die Spielsachen. Das Sofa. Die Stehlampe im Flur. Das gelbe Lieblingskleid der Mutter. Die Nachbarskatze. Und vor allem die Luft. Die ganze Luft sei voll davon. Erfüllt von Liebe. Liebe, die man nur hier finde. Liebe, die hier in der Luft sei. Und die man in den Augen der Mutter erkennen könne. Man müsse nur immer so tun, als würde man nicht merken, dass die Mutter einen beobachte, dann könne man Augen voller Liebe sehen. Unsicher lächelnd blickt der Junge zu seiner Mutter.
In ihrer Hand hält sie eine Mappe mit medizinischen Unterlagen. Dazwischen klemmt eine Broschüre des Bestattungsunternehmens. „Noch zwei Minuten, dann müssen wir los.“ Die Mutter lächelt sanft. Der Junge dreht seinen Kopf wieder zum Ventilator und atmet so tief ein wie er kann.

junge

-Ende-